Worms Lutherdenkmal (c) Uwe Feuerbach_UWE4809 KLEIN

22. Juni 2021

Worms im Jahre 1521 und heute

Zehn Tage lang war Martin Luther 1521 in Worms. Kaiser Karl V. hatte ihn nach Worms auf den Reichstag laden lassen, wo er seine Schriften widerrufen sollte. Die Reformation nahm ihren Lauf. 2021 jährt sich Luthers Widerrufsverweigerung zum 500. Mal.

Im Jahr 1521 hat Luther wagemutig vor dem Wormser Reichstag den Widerruf seiner Thesen und Schriften verweigert. 500 Jahre später führt mich die Gästeführerin Sandra Wilhelm auf den Spuren Luthers durch Worms und wir entdecken eine Stadt, wie Luther sie vor 500 Jahren erlebt haben muss.

Gästeführerin Sandra Wilhelm führt auf Luthers Spuren durch Worms

Wir schreiben das Jahr 1521. Worms war eine typische Stadt des Mittelalters. Im Vergleich zu heute war Worms sowohl flächenmäßig als auch von der Zahl seiner Einwohner viel kleiner. Dennoch war direkt zu Beginn des Jahres einiges los in der Stadt, denn in Worms tagte der Reichstag, den der erst 21-jährige Kaiser Karl V. einberief. Über die Wintermonate waren deswegen immer wieder Gäste in der Stadt am Rhein. So kamen auf die 6.000 bis 7.000 Wormser gut 10.000 Besucher des Reichstags, was eine große logistische Herausforderung für die Stadt bedeutete. Der Reichstag selbst war zwar ein Großereignis, trotzdem ist es nicht der Reichstag an sich, der in die Geschichtsbücher eingegangen ist, sondern eine ganz besondere Verhandlung im April des Jahres 1521.

Am 16. April 1521 zog Martin Luther auf einem Holzwagen durch die Martinspforte von Norden her nach Worms ein. Sein Besuch war in der Stadt schon erwartet worden und so wurde er von Einheimischen und Gästen mit Begeisterung empfangen. Nur vier Jahre zuvor soll er seine 95 Thesen eigenhändig an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg genagelt haben. Rund 2000 Menschen sollen den Einzug Luthers in Worms damals verfolgt und ihm zugejubelt haben. Die Martinspforte liegt heute nicht mehr an der Stadtgrenze, sondern mitten in der Wormser Innenstadt. An die Pforte selbst erinnert eine Inschrift auf dem 1904 neu errichteten Gebäude, in dem 500 Jahre nach dem Einzug Luthers ein Restaurant die Stadt mit regionalen Köstlichkeiten und Weinen versorgt.

Martinspforte; Foto: Journey Tom

Luther war Augustinermönch und Theologieprofessor, doch aufgrund seiner kirchenkritischen Schriften verhängte der Papst den Kirchenbann über ihn, was Luther zum Ketzer erklärte.  So konnte Luther während seines Aufenthalts in Worms nicht in einem der Klöster übernachten. Er wurde im Johanniterhof untergebracht, wo er mit zwei anderen Männern eine Kammer teilte. Denn wie bereits erwähnt, war die Stadt überfüllt mit Besuchern des Reichstages und gerade Luthers Verhandlung wurde mit Spannung erwartet.

Auch wir folgen Luthers Spuren durch die heutige Fußgängerzone an die Stelle, wo er vor 500 Jahren übernachtete. Heutzutage kommen hier allerdings keine Übernachtungsgäste mehr unter. An der Stelle des ehemaligen Johanniterhofs findet sich heute ein großes Einkaufszentrum.

In vielen Städten des Mittelalters stießen Luthers reformatorische Gedanken 1521 bereits auf Zustimmung. Das lag aber nicht nur an religiösen Überzeugungen, sondern viel eher an der machtpolitischen Struktur, die damals herrschte. Kirche und Bischöfe hatten enormen Einfluss und viel Macht über die Bürger. Wenn jetzt durch Luthers Schriften und die Reformationsbewegung den Bischöfen und damit der Kirche diese Macht wieder genommen würde, hätte das mehr Freiheit und Selbstbestimmung für die Menschen bedeutet.

Aber auch aus religiöser Sicht fand Luthers reformatorischer Gedanke in Worms Zuspruch. Im Andreasstift lebte ein Priester, der 1521 schon den reformatorischen Gedanken in der Magnuskirche in Worms predigte. Luther selbst hat aufgrund des Kirchenbanns weder die Magnuskirche noch ein anderes Gotteshaus in Worms besucht.

Magnuskirche; Foto: Bernward Bertram

Im Lutherjahr 2021 wird das Museum der Stadt Worms, das im Andreasstift untergebracht ist, erneut den reformatorischen Gedanken beherbergen. Denn hier findet die Landesausstellung zum Lutherjahr 2021 „Hier stehe ich. Gewissen und Protest – 1521 bis 2021“ vom 3. Juli bis 30. Dezember statt.

Museum Andreasstift; Foto: Eichfelder

Wie kann man sich Luthers Anhörung auf dem Reichstag 1521 vorstellen? Sie begann am 17. April 1521 gegen 16 Uhr. Er wurde abseits von seinen Anhängern und Gegnern durch die Gärten der Häuser zu seiner Verhandlung vor dem Reichstag gebracht. Dabei wurde Luther nicht vom Duft der Frühlingsblüher begleitet. Die Gärten hinter den Wohnhäusern Worms waren zu Selbstversorgungszwecken angelegt und so muss Luther eher darauf geachtet haben, nicht auf die ersten sprießenden Gemüsepflanzen zu treten.

Der gesamte Reichstag fand 1521 im Bürgerhof statt. Luthers Verhandlung jedoch wurde bewusst in den Bischofshof gelegt, um sie vom Rest des Reichstags abzugrenzen. Wie vieles andere aus der damaligen Zeit ist auch der Bürgerhof durch die Zerstörungen im Laufe der Jahrhunderte aus dem Stadtbild verschwunden. An der gleichen Stelle stehen heute die evangelische Dreifaltigkeitskirche und das Haus zur Münze. Als man von 1709 bis 1725 die Dreifaltigkeitskirche zu Ehren Luthers Reformation erbauen ließ, wusste man nicht mehr – wie mir Frau Wilhelm erzählt, dass Luthers Verhandlung im Bischofshof stattfand. Man nahm an, dass sie wie der Rest des Reichstags im Bürgerhof abgehalten wurde und baute die Reformationsgedächtniskirche daher an diesen Platz. Hätte man gewusst, dass die Verhandlung im Bischofshof stattgefunden hat, so stünde die große Dreifaltigkeitskirche heute vielleicht direkt neben dem Wormser Dom.

Dreifaltigkeitskirche; Foto: Bernward Bertram

Der Bischofshof grenzte 1521 an den Dom. Luther muss hier im Schatten des Doms gestanden haben, seine Schriften vor ihm aufgebaut und Tausende erwartungsvolle Augenpaare auf ihn gerichtet. Eigentlich nicht verwunderlich, dass er sich bei dem Druck nicht direkt entscheiden wollte, ob er seine Schriften widerruft, und daher um einen weiteren Tag Bedenk-zeit bat. Vermutlich wäre Luther in diesem Moment gerne in eine Kirche gegangen oder durch die Stadt gelaufen, um einen klaren Kopf zu be-kommen. Aber in die Kirche durfte Luther bekannterweise nicht und die Stadt Worms war voll mit Gästen des Reichstags. Da Luther bekannt war und entweder bewundert oder verachtet wurde, war das keine Option. Ihm blieb also nichts weiter übrig, als in seine Unterkunft im Johanniterhof zurückzukehren und dort auf und ab zu laufen. Dabei soll er sich sogar selbst Fragen gestellt und mit sich selbst gesprochen haben.

Wormser Dom & Bischofshof – 3D-Visualisierung von FaberCourtial

Durch die Zerstörung der Stadt Worms im Pfälzischen Erbfolgekrieg von 1689 ist auch der Bischofshof verschwunden und so stehen Frau Wilhelm und ich heute im Heylshof-Park an der gleichen Stelle wie Martin Luther vor 500 Jahren. Wir schauen herunter auf die großen Lutherschuhe, erstellt von dem Künstlerpaar Norbert und Constanze Illig. Die Lutherschuhe sind ein Paar Schuhe aus Metall und der Form ähnlich, wie Luther sie damals getragen haben muss. Sie sind so groß, dass man hineinschlüpfen und ein Teil dieses Gedenkortes werden kann. Bevor wir wirklich mal kurz in Luthers Fußstapfen treten, wollen auch wir über Luthers Gewissenskampf nachdenken.
Im Rahmen des Lutherjahres 2021 nennt man die Nacht vom 17. auf  den 18. April, in der Luther mit seinem Gewissen gerungen hat, auch den „Luther-Moment“. Im Heylshof-Park gibt es einen Bildungs- und Erlebnisparcours, der neben dem historischen Ort u.a. auch den Denkraum umfasst, in dem man Luthers Fragen und Gedanken zum Thema Gewissen erleben kann. Frau Wilhelm führt mich durch den Park vorbei an grünen Rasen-flächen, Blumen und alten Bäumen. Vereinzelt rufen uns diese Bäume eine der 24 Fragen Luthers zu. Im Park sind 24 unsichtbare Lautsprecher ver-teilt, die den „Luther-Moment“ zum Leben erwecken.

Heylshofpark; Foto: Bernward Bertram

Luther hat am nächsten Morgen Antworten auf seine Fragen gefunden und so kehrte er auch mit seiner Antwort am 18. April 1521 auf den Wormser Reichstag zurück. Erneut wurde Luther gefragt, ob er seine Schriften widerrufen wolle und er antwortete wortgewandt und ausführlich mit einer langen Verteidigungsrede. Den meisten ist der Abschnitt „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“ bekannt. Aus den damaligen Protokollen weiß man, dass er es genau so zwar nicht gesagt hat, aber der Inhalt bleibt der gleiche. Luther hat sich geweigert, seine Schriften zu widerrufen, weil er es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren konnte.

Dieser Moment ist in die Geschichtsbücher eingegangen, denn Luther ant-wortete nicht nur auf eine Frage. Er wusste, dass ihm und seinen Anhängern mit der Widerrufsverweigerung neben dem Kirchenbann nun auch die Reichsacht drohte. Damit war sein Leben in Gefahr. Damals bis heute hat Luthers Entscheidung eine enorme Tragweite.

Heylshofpark; Foto: Bernward Bertram

Zurück im Heylshof in den Lutherschuhen stehend, ist es immer noch nicht nachvollziehbar, wie Luther sich damals gefühlt haben muss. Den Blick nach vorne gerichtet schaut man direkt auf ein Bronzerelief des Künstlers Gustav Nonnenmacher. Darauf ist zu sehen, wie ein Blitz in die Szene der Lutherverhandlung im Bischofshof einschlägt. Man weiß zwar nicht genau, wie das Wetter am 18. April 1521 war und der April machte sicherlich auch damals schon was er will. Der Blitz auf dem Relief soll daher nur ein Sinnbild sein. Luther hat, wie ein Blitz einen Baum spaltet, die Kirche und die Gesellschaft gespalten.

Luthers Schuhe; Foto: Bernward Bertram

Es sind die Kunstwerke, Gedenktafeln und Legenden, die Luther, die Themen Gewissen und friedlicher Protest sowie das Jahr 1521 in Worms lebendig werden lassen. So ist trotz der Zerstörung historischer Orte der Geist von vor 500 Jahren immer noch spürbar. Manchmal müssen es gar nicht die Originalschauplätze sein. Eines der weltgrößten Reformations-denkmale der Welt, das Lutherdenkmal, steht auf einem Platz, der 1521 noch außerhalb von Worms lag und an dem Luther vermutlich nie gewesen ist. Das Denkmal ist aufgebaut wie eine Burg und enthält berühmte Protagonisten der Reformation sowie die Inschrift „Eine feste Burg ist unser Gott“, ein bekanntes Lied aus Martin Luthers Feder.

Lutherdenkmal in Worms

Auch an anderen Stellen in Worms taucht Luther immer wieder auf und ruft sich und seine Widerrufsverweigerung in die Erinnerung der Einheimischen und Gäste. Denn damals wie heute laden nicht nur Großveranstaltungen zu einem Besuch in der Lutherstadt Worms ein.

Kostumführung vor der Martinskirche; Foto: Bernward Bertram

Wenn Ihr noch mehr über Luthers Tage in Worms, seinen „Luther-Moment“ oder das Jahr 1521 erfahren wollt, dann findet Ihr zahlreiche kleine und große Veranstaltungen rund um das Lutherjahr 2021 im Programmheft oder auf der Webseite des Lutherjahres. Auf den Spuren Luthers könnt Ihr Worms auch über das Lutherjahr hinaus bei einer Kostümführung wandeln oder auf eigene Faust auf dem Luther-Rundgang erkunden.
Mit der Tour-App „Worms erleben“ könnt ihr beim Rundgang „Luther in Worms“, die es auch als AR-Version in Form einer Graphic Novel gibt, Euch auf eine Zeitreise ins Jahr 1521 begeben.

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