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24. Oktober 2017

Weinlese 2017 – alles Turbo oder was?

Es ist Mitte Oktober und die Weinlese ist schon lange vorbei. Im letzten Jahr waren wir um diese Zeit noch voll am Lesen. Für mich als Hobbywinzer (mit 5 ha Rebfläche …) in Biebelnheim mitten im Hügelland Rheinhessens ging es dieses Jahr besonders schnell. Und von meinem ganz persönlichen „Turbo-Weinherbst 2017“ möchte ich Euch hier gerne mal berichten.

Für unser Weingut hatte sich ein großer Teil der Weinlese bereits am Morgen des 20. April erledigt. Nach einem „turbo“-schnellen Austrieb infolge des warmen Frühjahrs waren die Reben extrem weit entwickelt und die Weinberge wunderschön grün, wie sonst erst Mitte Mai. Dieser Morgen war mit minus 7° Celsius extrem kalt, zu kalt wie man bei Sonnenaufgang sehen konnte. Viele Triebe waren vom eisigen Nordostwind steifgefroren, gewissermaßen gefriergetrocknet. Ich kam nach meiner Rundfahrt nachhause und meinte zur Familie bloß „die meisten Trauben sind für dieses Jahr gelesen“, es ist fast alles erfroren.

Einige Triebe haben den Frost überstanden

Doch wie durch ein Wunder überstanden einige Triebe den Frost und damit auch die Trauben, die sich ja schon im Fruchtansatz befanden. Heute wissen wir, dass die extreme Trockenheit im April zu einer Konzentration der Salze im Saftfluss des Rebstocks geführt hatte, und durch diesen „Frostschutz“ doch noch einige Triebe überlebt haben. Aber es wird viel weniger Ertrag geben, das war sicher. Und Trauben sind dann leider auch keine mehr nachgewachsen, wie zunächst gehofft. Anfang Juli ging dann noch ein kurzer Hagelschauer über unsere Weinberge nieder und wieder waren etwa 10% Ertrag weg.

Die Rebstöcke entwickelten sich – wie nicht anders zu erwarten – im „Turbo-Tempo“ weiter. Im Vorbeifahren standen die Weinberge wunderschön gewachsen da. Mehr als genug Regen gab es dann im August, so dass man fast zuschauen konnte, wie sich die Beeren füllten und immer dicker wurden. Das viele Wasser wurde von den Wurzeln aufgesaugt und an die wenigen Trauben weitergegeben. Mitte August kam, was kommen musste: die frühreifenden Trauben, insbesondere die Huxelrebe, platzten und liefen aus, massive Fäulnis breitete sich aus.

Eingetrocknete Beeren bei der Huxelrebe

Doch Traubenlesen war noch nicht drin. Ich hatte bei der Terminierung meiner Pflanzenschutzmaßnahmen mit einer frühen Lese gerechnet, aber doch nicht schon am 20. August. Also warten. Ich bin dann kurzerhand nochmal drei Tage auf Exkursion zu den Winzerkollegen in die Schweiz gefahren. War klasse, aber Frostschäden am 20. April hatten die auch zu beklagen: Geteiltes Leid ist ja bekanntermaßen halbes Leid.

Zur Überbrückung der Zeit bis zur Weinlese: Exkursion zu den Winzerkollegen in der Schweiz

Wieder zuhause, konnte ich dann endlich die ersten Trauben ernten. Der Frühburgunder musste gelesen werden, bevor die Fäulnis sich noch weiter ausbreitet oder gar die gefürchtete Kirschessigfliege auftaucht. Daraus einen vernünftigen Rotwein zu bereiten war schon nicht mehr drin, da viele Beerenhäute (wo ja die Farbe drinsteckt) nicht mehr intakt waren. Also habe ich die Trauben als Rosé gekeltert, schmeckt jetzt wie Spätburgunder, da die Säure doch noch nicht so weit abgebaut war wie sonst beim Frühburgunder üblich. Der Ertrag war geringer als letztes Jahr aber doch noch okay. Das Bild sollte sich bei der Huxelrebe schnell wandeln. Die vielen faulen Beeren waren mittlerweile eingetrocknet und nur noch wenige Beeren waren gesund. Eigentlich wollte ich die gar nicht mehr lesen, aber ich (oder der Traubenvollernter) hat es dann doch getan.

Blick in den Traubenwagen: Huxelrebe – so wenig? Letztes Jahr war der doch halbvoll …

Ganze 220 Liter, somit ein Hektarertrag von knapp 1.400 Litern, aber immerhin mit einem natürlichen Zuckergehalt von 105 Grad Oechsle, ein kleiner Trost. Von den Müller-Thurgau-Trauben wollte ich eine Hälfte zu Traubensaft und die andere Hälfte zu Wein ausbauen, aber beim halben Ertrag wie sonst habe ich mich dann doch allein für den Wein entschieden. Dann müssen unsere Kinder eben Apfelsaft trinken (aber den Obstbauern ging es ja auch nicht besser).

So setzte sich es dann fast die ganze Traubenlese über fort, mit Ausnahme von Regent, der – warum auch immer – eine ganz normale Erntemenge gebracht hat. Auch der Gelbe Muskateller konnte mich mit vollreifen, goldgelben Trauben aufheitern. Lichtblicke tun gut.

Sonnengereifte Gelber Muskateller-Trauben – auch das gab es 2017

Man konnte (wieder im Turbo-Tempo) die doppelte Fläche als sonst am Tag ernten. Normalerweise lese ich etwa 1,5 km Rebzeilen am Tag, dieses Jahr waren es oft über 3 km. Der Traubenvollernter wird nach Meter bezahlt, deshalb weiß ich das so genau. Die Kelter wurde nur selten voll. Zwischendrin habe ich mal darüber nachgedacht, dass ich mehr Wasser beim Saubermachen der Gerätschaften verbrauche als Most von der Kelter läuft, so gar nicht nachhaltig. Noch schwieriger wurde es beim Vorklären. Die Tanks, in denen ich sonst den frischen Most absetzen ließ, um dann nur den klaren Saft für die Weinbereitung abzuziehen waren viel zu groß. Also habe ich kurzerhand die Moste in einem kleinen Paletten-Tank zwischengelagert, mit dem Stapler über den Gärtank gehoben und dann mit einem Ziehschlauch (das ist ein dünner Schlauch, mit dem man sonst Proben fürs Weinlabor zieht) den klaren Most abgetrennt. So blieb wenigstens nicht so viel vom kostbaren Most in der Pumpe und in den langen Schläuchen hängen. Mit der Zeit wird man eben kreativ.

Kreativität in der Kellerwirtschaft war 2017 gefragt

Auch den Einsatz des Vollernters habe ich zwischendrin angezweifelt, nicht aus Qualitätsgründen, sondern weil bei den stärker frostgeschädigten Weinbergen oft noch nicht mal die Kosten für den Lohnunternehmer gedeckt werden konnten. Die Mama und die Kinder erklärten sich „spontan und ausnahmsweise“ bereit zu helfen. So gingen wir wie in guten alten Zeiten mit Schere und Eimer bewaffnet in den Weinberg. Beim Spätburgunder, der fast komplett erfroren war, ging das auch ganz gut. Die blauen Trauben findet man im wilden Blätterwuchs ganz gut (Entblättern wie sonst war ja wegen der geringen Ertragserwartung einfach nicht drin).

Nur alle 30m ein Eimer Trauben – das war mein Blauer Spätburgunder 2017

Beim Riesling hat die Familie dann gestreikt. „Das ist ja wie die Nadel im Heuhaufen suchen“, so der frustrierte Kommentar meiner „ehrenamtlichen“ Helfer. Also musste doch der Vollernter ran, der den Weinberg, in dem wir 2 Tage auf Traubensuche gegangen wären, dann in 20 Minuten „turboschnell“ abgefahren hatte. Beim Auskippen der „Fundsachen“ habe ich den Fahrer nur gefragt, ob er den Ertrag nicht als Naturallohn mitnehmen will. Irgendwann konnte man das Dilemma nur noch mit einer ordentlichen Portion Galgenhumor ertragen.

Die Familie musste ran – und unser Sohn Jakob hatte (anfänglich) sichtlich Spaß dabei.

Mit Cabernet Sauvignon und Gewürztraminer, um deren Lese ich mir sonst erst Ende Oktober Gedanken mache, wollte ich dann auch nicht mehr länger warten. Es ging mir einfach nur noch darum, die Traubenmenge sicher nach Hause zu bringen. Für Experimente um das letzte Grad Oechsle hatte ich einfach keine Lust mehr. Der Cabernet Sauvignon musste dieses Jahr – weil der Spätburgunder mehr oder minder ausfiel – zu Blanc de Noirs werden, zwar schade um unseren sonst so hoch geschätzten Barrique-Rotwein, aber davon hatte ich aus den letzten Jahren noch was im Keller und der stark gefragte Blanc de Noirs war schon lange ausgetrunken. Man muss in diesem Jahrgang 2017 flexibel sein. Mein Gewürztraminer-Weinberg hat letztes Jahr 3.500 Liter mit feinen 86 Grad Oechlse gebracht, dieses Jahr minimalistische 700 Liter mit immerhin 91 Grad. Was hätte mir hier das Pokern um mehr Reife also noch bringen sollen?

Der Traubenvollernter konnte 2017 viele Runden drehen bis die Behälter voll waren.

Ganze zweieinhalb Wochen habe ich dieses Jahr für meine Ernte gebraucht und unterm Strich ca. 4.000 Liter auf den Hektar geerntet, noch nicht einmal die Hälfte eines normalen Jahres. Das ist eben die Natur. Die Kosten sind dabei genauso hoch wie in jedem anderen Jahr. Der Herbst war dieses Jahr sehr anstrengend, nicht körperlich aber mental. Meine Frau Sandra kann ein Lied davon singen, die musste den allabendlichen Frust ertragen. Jetzt kommt es darauf an, aus dem Wenigen das Beste zu machen und unseren Kunden die eine oder andere kreative Überraschung zu bieten. Und Gott sei Dank ist der Weinbau für uns nicht das alleinige Standbein. Mein tägliches Brot verdiene ich ja als Online-Redakteur für Rheinhessen.

 

Kommentare

Selber kommentieren:


  1. Ein sehr interessanter Beitrag, der den diesjährigen Weinjahrgang sehr anschaulisch beschreibt!

    1. Udo Diel

      Vielen Dank für die Lorbeeren und ich bin mal gespannt, was die Weinfreunde zum 2017er sagen.

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