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9. August 2021

Was hat Luther eigentlich mit Worms zu tun?

Die Nibelungenstadt Worms feiert 2021 die 500. Wiederkehr des Reichstags zu Worms und lädt ein zum Lutherjahr. Der Kulturkoordinator der Stadt Worms, Dr. David Maier, hat mir erzählt, was die Stadt mit Luther verbindet und wie man Luther in Worms während und nach dem Lutherjahr 2021 erleben kann.

Nibelungenbrücke; Foto: Tomy Heyduck

Luther gehört zu Worms wie der romanische Dom St. Peter, die Nibelungen und die jüdische Geschichte der Stadt. Sie alle haben die Stadt geprägt und sind auch heute noch als wichtige Kulturprofile an vielen Orten erlebbar.
Markante Sehenswürdigkeiten, die direkten Bezug zu Luther und der Reformation in Worms haben sind die Dreifaltigkeitskirche als Reformationsgedenkkirche und eines der größten Reformationsdenkmäler weltweit, das Lutherdenkmal. Aber was hat Martin Luther eigentlich mit Worms zu tun?

Lutherdenkmal der Stadt Worms

Worms ist eine von 16 Lutherstädten und als solche seit 1993 auch ein Teil des „Bundes der Lutherstädte“. In diesem Bund haben sich die deutschen Städte, in denen Luther gelebt oder gewirkt hat, zusammengeschlossen. Hat Luther demnach in Worms gelebt? Oder war hier das mit dem Anschlag der 95 Thesen? Nein, das war natürlich eine andere Stadt mit W. Zugegebenermaßen musste ich ein wenig in meinem Schulwissen kramen, bis es mir wieder eingefallen ist: Luther hat sich vor 500 Jahren, also im Jahre 1521 hier auf dem Wormser Reichstag geweigert, seine Schriften vor dem Kaiser zu widerrufen.

Stadtführung Worms; Foto: Bernward Bertram

Der Wormser Reichstag 1521 war zur damaligen Zeit ein Großereignis in Worms. Mehrere Monate lang waren mit 10.000 Menschen mehr Besucher in der Stadt als Worms Einwohner hatte (schätzungsweise zwischen 6.000 und 7.000). Der neu gewählte Kaiser Karl V. hatte eingeladen und sorgte für Aufmerksamkeit. Damals müssen viele wichtige Entscheidungen getroffen worden sein, erzählt mir David Maier, doch daran erinnert sich heute so gut wie keiner mehr

Stattdessen ist nur eine Verhandlung in die Geschichtsbücher eingegangen – die Verhandlung Martin Luthers. Für die Tage des 17. und 18. Aprils wurde Luther auf den Reichstag eingeladen. Dort wurde er vor die entscheidende Wahl gestellt, seine veröffentlichten Schriften zu widerrufen. Täte er dies nicht, würde über ihn die Reichsacht verhängt werden – er wäre somit vogelfrei ohne jegliche Rechte. Nach einer nächtlichen Bedenkzeit weigerte sich Luther am 18. April zu widerrufen, denn das könne er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren. Genau diesen geschichtsträchtigen Moment feiert das Lutherjahr 2021.

Ob Luther damals schon wusste, was er für einen Stein ins Rollen bringen wird? Schließlich steht die Gewissensfreiheit in Artikel 4 des Grundgesetzes und wir führen unsere Struktur der Bundesländer sowie die Entwicklung der evangelischen Kirche zurück auf die Reformation und damit auch auf diesen einen Moment der Widerrufsverweigerung in Worms.

Luthers Schuhe; Foto: Bernward Bertram

Damals, auf dem Reichstag im Bischofshof, hat sich Luther auf sein Gewissen berufen. Eine ganze Nacht soll er sich davor Gedanken gemacht haben. „Irgendwas muss in dieser Nacht passiert sein. Wir können es ja nur erahnen. Hat er sich gewälzt, nicht gut geschlafen, nachgedacht, mit sich gerungen?“ Wie viele andere versucht auch der Kulturkoordinator David Maier sich den sogenannten „Luther-Moment“ vorzustellen. Am nächsten Tag stand Luther dann vor all den Augenpaaren, die ihn erwartungsvoll anschauten und sagte: “Widerrufen kann und will ich nichts, weil es weder sicher noch geraten ist, etwas gegen sein Gewissen zu tun.

Heylshofpark; Foto: Bernward Bertram

Wie genau es damals auf der Verhandlung ausgesehen hat, können wir nur noch erahnen, denn die Originalschauplätze von 1521 sind durch die Zerstörungen des Pfälzischen Erbfolgekrieges von 1689 und des Zweiten Weltkriegs verschwunden. An der Stelle des ehemaligen Bischofshofs findet sich heute der Heylshof-Park und so kann man, wenn auch in anderer Kulisse, an der gleichen Stelle stehen, an der auch Luther vor 500 Jahren stand und dabei in die großen Lutherschuhe des Künstlerpaares Illig & Illig steigen, um in Luthers Fußstapfen zu treten. Mit ein bisschen Fantasie wird deutlich, wie Luther sich damals gefühlt haben muss und was ihm wohl durch den Kopf gegangen ist.

Hier im Heylshof-Park finden sich viele Stationen, die an Luther erinnern. Durch eine Klang- und Lichtinstallation werden den Besuchern über den Park verteilt 24 Fragen gestellt. Diese Fragen soll Luther sich so oder so ähnlich in der Nacht seines Luther-Moments gestellt haben. Der Heylshof-Park ist eine kleine, ruhige, grüne Oase inmitten der Stadt im Schatten des Doms, die zum Verweilen und Nachdenken einlädt.

Foto: Bernward Bertram

Der Heylshof-Park ist auch einer von David Maiers Lieblingsplätzen in Worms. „Es ist ein besonders magischer Ort in vielerlei Hinsicht.“ Luther ist an diesem Ort durch den Bildungs- und Erlebnisparcours erlebbar geworden. Gleichzeitig verwandelt sich der Heylshof-Park mit den Nibelungen-Festspielen einmal im Jahr in „Deutschlands schönstes Theaterfoyer“, so der Kulturkoordinator, und damit verbinden sich hier zwei der bedeutendsten Wormser Kulturprofile.

Foto: Bernward Bertram

Von dem Worms, das Luther 1521 erlebt hat, ist heute zwar nicht mehr viel übrig, aber dafür ist Luther in der Stadt von 2021 durch viele künstlerische Projekte umso spürbarer – ganz besonders im Jubiläumsjahr. Worauf sich Maier im Lutherjahr am meisten freut, war fast die schwierigste Frage, die ich ihm gestellt habe. Natürlich gibt es die großen Highlights, wie die Landesausstellung „Hier stehe ich. Gewissen und Protest 1521-2021.“ oder die Nibelungen-Festspiele mit einem Luther-Stück auf der Open-Air-Bühne vor dem Dom St. Peter.
Was David Maier aber besonders beeindruckt hat, ist die Vielzahl an Veranstaltungen, zu denen auch ganz kleine Projekte gehören. Dabei hätten sich viele interessante und unerwartete Kooperationen gebildet. Dieses Engagement und das Interesse am Thema „Gewissen und Protest“, das sei das eigentliche Highlight des Lutherjahres.

Luther polarisiert heute noch genauso wie vor 500 Jahren. Auch wenn seiner Überzeugung nach die von ihm veröffentlichten Schriften die einzige Wahrheit enthielten, stimmt auch heute nicht jeder ausnahmslos den Aussagen zu.

Gleichzeitig sind die Themen Gewissen und Protest in der Geschichte oft genug positiv, aber auch negativ verwandt worden. Mit genau diesen Themen beschäftigen sich die Landesausstellung zum Lutherjubiläum sowie die zahlreichen kleinen und großen Programmpunkte zum Lutherjahr 2021.

Foto: Eichfelder

Bei einem Besuch des Lutherjahres 2021 in Worms könnt Ihr die Geschichte Luthers um das Jahr 1521 erleben, auf einer der zahlreichen kleinen und großen Veranstaltungen mitdiskutieren, mehr über Gewissen und Protest lernen oder den Interpretationen des Luthermoments folgen. Aber auch über das Lutherjubiläum 2021 hinaus wird Luther natürlich weiterhin ein Teil von Worms sein. „Luther wird uns so schnell nicht loslassen oder eher wir lassen Luther nicht los“, so der Kulturkoordinator, der Luther als ein festes Kulturprofil der Stadt Worms wahrnimmt.

Lutherweg bei Abenheim; Foto: Vera Meurer

Auch außerhalb Worms könnt Ihr nicht nur sprichwörtlich den Spuren Luthers folgen. Der Lutherweg 1521 in Rheinhessen lockt von oder nach Worms mit vielen besonderen Eindrücken durch die rheinhessische Natur bis zur Wartburg. In Worms bietet sich der Luther-Rundgang an, um die Stadt zur Zeit Luthers zu erleben. Der Rundgang kann auch mit der Tour-App „Worms erleben“ erkundet werden, die es auch als AR-Version in Form einer Graphic Novel gibt.

Was es sonst noch in Worms zu entdecken gibt, erfahrt Ihr auf der Webseite der Stadt Worms. Alle Veranstaltungen zum Lutherjahr 2021 mit aktuellen Hinweisen findet Ihr auf www.luther-worms.de.

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