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12. September 2017

Wanderbericht Hiwweltour Aulheimer Tal: Wein, Wald und Steppe

In diesen Wochen eröffnen fünf neue Hiwweltouren in Rheinhessen. Hier auf dem Blog stellen wir Euch nach und nach jede einzelne vor und verraten unsere ganz persönlichen Höhepunkte. Weiter geht es mit der abwechslungsreichen Hiwweltour Aulheimer Tal, die einige geologische und klimatische Überraschungen bereithält. Auf nach Flonheim!

Bezauberndes Flonheim

Flonheim ist ein kleiner Weinort im westlichen Rheinhessen. Hier, am Parkplatz an der Adelberghalle, startet die Hiwweltour Aulheimer Tal. Bevor wir von dort den Zuweg zur Hiwweltour nehmen, spazieren wir erst einmal durch Flonheim selbst. Der Spaziergang wird schnell deutlich länger als geplant, denn Flonheim begrüßt uns mit einem schönen Marktplatz und Hinweisschildern, die einen historischen Rundgang vorschlagen.

Wir bewundern diverse alte Häuser mit interessanter Geschichte. Viele von ihnen sind aus hellem Flonheimer Sandstein erbaut, was zum pittoresken, einheitlichen Ortsbild beiträgt. Wie viele Meter wir allein schon mit dem Rundgang zurücklegen, wissen wir gar nicht. Es wird aber höchste Zeit, in die Natur abzubiegen, schließlich liegt heute noch die längste Hiwweltour Rheinhessens vor uns.

Eine kleine Wunderwelt

Der erste Abschnitt der Wanderung führt durch das idyllische Wiesbachtal bis zur Geistermühle, einem geschichtsträchtigen Mühlengehöft mit herrlichem Fachwerk, das inzwischen ein renommiertes Weingut ist. Die Sonne versteckt sich leider hinter dicken Wolken, dennoch genießen wir die Ruhe und Abgeschiedenheit der Natur.

Das Wiesbachtal geht langsam ins Aulheimer Tal über. Auf den ersten Blick sieht die Natur nicht viel anders aus, doch geologisch und klimatisch gesehen betreten wir gerade eine andere Welt. Man mag es nicht vermuten, aber das Aulheimer Tal ist quasi eine Steppe. Die Vegetation überrascht: Wolfsmilch, Thymian, Edel-Gamander – hier gedeihen diverse Pflanzen, die es im übrigen Rheinhessen schwer haben.

Wir wandern unterhalb der Rabenkanzel, Lebensraum seltener Steppenpflanzen. Der Volksmund erzählt sich, dass von der Kanzel einst Hexen in die Tiefe gestürzt und dadurch Raben angelockt wurden. Diese düstere Geschichte passt eigentlich so gar nicht zu der idyllischen Landschaft, in der wir uns gerade befinden, aber der Südwesten Deutschlands ist für seine düsteren Geschichten und Märchen ja weltweit bekannt.

Das Wahrzeichen von Rheinhessen

Wir passieren vulkanische Andesit-Steinbrüche und folgen dem Aulheimer Graben zwischen Wiesen und Weinbergen bis zur Gutsschänke Aulheimer Mühle. Nun geht es auf den Adelberg hinauf. Auf dem Berg wartet das Wahrzeichen Rheinhessens auf uns, dadurch ist der Anstieg schnell vergessen.

Der Trullo ist ein weißes Rundhaus mit Spitzdach und wurde 1756 im Stil der apulischen Trulli errichtet. Es hält sich das Gerücht, dass italienische Gastarbeiter, die in den Steinbrüchen rund um Flonheim tätig waren, den Trullo gebaut haben. Der Blick von hier oben ist fantastisch – trotz des bescheidenen Wetters. Wir schlendern durch den angrenzenden Weinlehrgarten. Besonders schön finde ich, dass wir nicht nur heimische Rebsorten betrachten, sondern auch spezielle Tafeltrauben kosten dürfen. Zwar sind die noch ein wenig sauer, schmecken – mitten im Weinberg und direkt neben dem Trullo – aber dennoch gut.

Vom Wein in den Wald

Die Hiwweltour führt uns zur Flanke des Aulheimer Tals. Hier prägen unzählige Reben, urwüchsige Hecken, wogende Gräser und zahlreiche Schmetterlinge das Bild. Es geht auf und ab und wieder auf – so wie es sich für eine Hiwweltour gehört, denn „Hiwwel“ bedeutet schließlich Hügel auf rheinhessisch. Immer wieder bleiben wir stehen und genießen die Weite des Tals.

Die praktischen Wegweiser der Hiwweltour führen uns vom Weinberg in den Wald. Klar, wenn die Vegetation am Wegesrand so vielfältig ist wie im Aulheimer Tal, dann darf natürlich auch ein großes Waldgebiet nicht fehlen. Das aber ist gar nicht selbstverständlich! In Rheinhessen wurde zugunsten des Weinanbaus viel Wald abgeholzt. Daher genießen wir dieses Teilstück umso mehr.

Die Luft ist sofort frischer und kühler. Auf dem lockern Waldboden fällt das Wandern ganz leicht. Obwohl auch alle anderen naturnahen Wege der Hiwweltour durchweg angenehm zu laufen sind.

Ausblicke über Ausblicke

Etwa nach der Hälfte der Waldstrecke erreichen wir den Lonsheimer Turm. Hier legen wir eine wohlverdiente Pause ein und genießen unser mitgebrachtes Picknick. Mit deutlich leichteren Rucksäcken steigen wir die steile Wendeltreppe des Turms empor und nehmen den wunderschönen Rundumblick bis zum Odenwald, Taunus und Hunsrück in uns auf.

Wir verlassen den Wald und wandern zwischen Waldrand und Weinreben dem nächsten Aussichtspunkt entgegen. Die Oswaldhöhe ist ein Rastplatz, von dem aus wir unseren Blick über die rheinhessische Ortschaft Bornheim schweifen lassen, die nun direkt unter uns liegt.

Aller guten Dinge sind drei! Der nächste Aussichtspunkt erwartet uns in Form des Bornheimer Aussichtsturms. Der aus Sandstein gemauerte Turm mit der hölzernen Aussichtsplattform ist liebevoll gestaltet und bietet mitten im Wingert noch einmal eine ganz neue Perspektive auf das unendliche Rebenmeer.

So langsam spüre ich – oder besser gesagt spüren meine Beine – dass wir gerade auf der längsten aller Hiwweltouren wandern. Umso mehr freue ich mich, dass wir wieder in den Wald eintauchen und ich mithilfe viel frischer Luft neue Energie tanken kann.

Berühmter Sandstein

Wir erreichen den Sedanplatz und passieren beeindruckende Sandsteinbrüche. Der helle Sandstein entstand übrigens am Grund eines Süßwassersees vor etwa 290 Millionen Jahren. Als ein urzeitliches Meer Rheinhessen vor ca. 30 Millionen Jahren erstmals überflutete, war der Flonheimer Sandstein längst versteinert und bildete Küstengesteine. Das kann man in einem der Steinbrüche sogar erkennen.

Der Sandstein wurde als Baustoff für viele Gebäude in Flonheim selbst und in der Region verwendet. Historische Verträge belegen, dass Flonheimer Sandstein sogar im Kölner Dom verarbeitet wurde.

Der jüdische Friedhof in Uffenhofen, einem Ortsteil von Flonheim, ist der letzte Höhepunkt dieser Wanderung. Auch hier sind die Grabsteine vorwiegend aus dem typischen Flonheimer Sandstein gefertigt. Bis 1979 stand in Flonheim auch eine Synagoge. Nach deren Abbruch ist der Friedhof nun das einzig verbleibende Zeugnis der jüdischen Geschichte des Ortes.

Wir kehren zurück zum Flonheimer Marktplatz und suchen uns von hier aus einen gemütlichen Ort zum Einkehren. Den haben wir uns nach mehr als 13 Kilometern auf der Hiwweltour Aulheimer Tal plus historischem Rundgang in Flonheim verdient!

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Kommentare

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  1. Hallo Frau Krebs, Sie haben die Tour wirklich gut beschrieben. Auch wir sind die Hiwweltour am gestrigen Tag gewandert. Das Wetter war mit uns und somit war es rundum ein tolles Erlebnis. Es ist immer wieder schön zu erleben wie beeindruckend schön Rheinland-Pfalz (Rheinhessen) ist. Auch wenn ich die eine oder andere Region durch viele Motorradtouren schon kenne bin ich beim Wandern aufs neue positiv überrascht. Urlaub und Erholung liegt quasi vor der Haustür! Beste Grüße W.Frychel

    1. Susanne Krebs

      Hallo Herr Frychel, vielen Dank! Mir hat die Tour auch sehr gut gefallen. Irgendwie vergisst man zu oft, dass es vor der Haustür tolle Möglichkeiten für einen Mini-Urlaub gibt. Viel Spaß beim Wandern in Rheinhessen und schauen Sie auch mal bei den anderen Hiwweltouren vorbei. Es lohnt sich.

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