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3. Dezember 2018

Drei Vinotheken in Rheinhessen mit besonderer Architektur

In Rheinhessen gibt es viele Vinotheken. Große und kleine Vinotheken, ausgezeichnete Vinotheken und solche mit außergewöhnlicher Architektur. Mal ist sie modern, mal historisch und oft eine tolle Mischung aus beidem. Ich besuche drei Vinotheken, die architektonisch besonders wertvoll sind und deren Besitzer spannende Geschichten erzählen.

Weingut Pauser: „Das Auge trinkt mit“

Mein erstes Ziel ist das historische Weindorf Flonheim. Die Vinothek des Weinguts Pauser springt sofort ins Auge: ein quadratisches Gebäude, klare Kanten, gerade Linien und eine Panoramaterrasse, die in der Luft zu schweben scheint. „Pauser’s Quartier“ wirkt modern und einladend. So wie Winzerin Eva Pauser, die gemeinsam mit ihren Eltern das Weingut mit viel Herzblut und „femininem Touch“ leitet.

Ich treffe sie vor der Vinothek und wir sehen uns die Stahlummantelung an, die Teile des Gebäudes umgibt. Stahl, Beton und Glas sind drei wiederkehrende, minimalistische Elemente, die sich auch in der Architektur der Produktionsstätten und im Weinlager wiederfinden. So fügt sich das gesamte Weingut nahtlos ineinander. Familie Pauser ist sehr stolz, dafür im Jahr 2017 den Preis für „Architektur, Parks und Gärten“ des Netzwerkes Great Wine Capitals erhalten zu haben.

Eva Pauser bittet mich herein. Das Interieur der Vinothek mit natürlichen Farben, gedimmtem Licht und gemütlicher Sofaecke wirkt ebenfalls modern und einladend. Das ist der Winzerin sehr wichtig, „das Auge trinkt schließlich mit“. Mein Blick fällt auf eine große Glaswand und das dahinterliegende Barriquelager. Viele Edelholzfässer haben wunderschöne Schnitzereien, die an besondere Familienanlässe erinnern, etwa an Eva Pausers Regentschaft als Rheinhessische Weinkönigin oder an den Tag ihrer Hochzeit. Vor diesem Hintergrund ist jede Weinverkostung ein ganz besonderer Genuss.

Ein weiteres Highlight wartet im ersten Stock der Vinothek in Form der großzügigen Panoramaterrasse, die an den großen Festsaal anschließt. Hier habe ich das Gefühl über den Weinreben zu schweben. Die Sonne strahlt und der Blick ins Grüne ist atemberaubend. Ich kann verstehen, dass sich Familie Pauser selbst nach all den Jahren nicht daran sattsehen kann!

Weingut Hemmes: „Geschichte kann man nicht nachbauen“

Ich fahre weiter nach Bingen und bin sehr gespannt, was mich erwartet, denn jetzt geht es in die Schule. Genauer gesagt in die alte Dorfschule nach Bingen-Kempten, die inzwischen die Vinothek des Weinguts Hemmes  beherbergt. Das Gebäude von 1908 beeindruckt mit schlichtem Jugendstil, sandsteingerahmten Fenstern, imposanter Eingangstür und rankendem Wein.

Winzer Frank Hemmes begrüßt mich an der großen Tür und erzählt, dass diese früher nur von Lehrern genutzt werden durfte. Die Schüler – sein Vater war einer von ihnen – mussten sich im Schulhof versammeln und durch die Hintertür ins Gebäude. So hatte Friedel Hemmes einen Schulweg von sage und schreibe zwanzig statt zehn Sekunden, denn das Weingut der Familie liegt direkt gegenüber dem Schulgebäude.

Im Zuge der Schulreform von 1961 wurde die Dorfschule geschlossen. Bis Frank Hemmes das denkmalgeschützte Haus erwerben und wiederbeleben konnte, vergingen viele Jahre, trotzdem gab er nie auf: „Dieses alte Gebäude, diese Geschichte – so etwas kann man nicht irgendwo auf dem Land nachbauen.“ Für die Bewahrung der alten Bausubstanz und die Umstellung auf nachhaltige Energieversorgung erhielt Familie Hemmes im Jahr 2010 den Preis für „Nachhaltigkeit im Weintourismus“ der Great Wine Capitals.

In zwei der vier ehemaligen Klassenzimmer hat Frank Hemmes seine Vinothek eingerichtet. Liebevoll kuratierte Objekte wie eine alte Glocke, lederne Schultaschen und kleine Schreibtafeln erinnern an die historische Geschichte des Gebäudes. Darüber hinaus hat er sich persönlich dem Bildungsauftrag rund um die regionale Weinkultur verschrieben.

Weingut Hemmes bietet eine „Weinschule“ (Weinprobe) an, durch die der Winzer mit Frack, Zylinder und Stock führt, flüssige Lernmittel und passende Pausensnacks verteilt, Wissenswertes aus den Fächern Biologie, Geologie und Geschichte erzählt und dabei immer spannende Verbindungen zum Wein herstellt. So macht Schule Spaß und ist alles andere als „trocken“!

Weingut Wasem: „Tradition bedeutet nicht Stillstand“

Meine dritte und letzte Station ist das Weingut Wasem in Ingelheim. Schon von außen erkenne ich, dass Tradition und Moderne an diesem Ort auf ganz besondere Weise verschmelzen. Das denkmalgeschützte Zisterzienserkloster Engelthal von 1290 ist das Herzstück der Weinerlebniswelt, die ebenfalls mit dem Preis für „Architektur, Parks und Gärten“ der Great Wine Capitals ausgezeichnet wurde.

Philipp Wasem, Jungwinzer und Sohn des Hauses, ist stolz, dass die historische Bausubstanz des Klosters so nahtlos mit moderner Architektur verschmilzt: „Tradition bedeutet nicht Stillstand“. Seine Familie hat die ehemalige Klosteranlage in unmittelbarer Nachbarschaft zu ihrem Weingut 2009 erworben und umfassend renoviert. Er zeigt mir alte Fachwerkfassaden und das traditionelle Kreuzgewölbe im ehemaligen Kuhstall, in dem jetzt regional-saisonale Speisen serviert werden.

Die ursprünglichen Gebäudestrukturen sind jeweils mit modernen Stahl- und Glaselementen verbunden: verwitterter Stahl als Symbol für die Bedeutung von Wetter für Wein und Glas als Symbol für die Transparenz, mit der Familie Wasem seit vielen Generationen immer wieder neue Wege im Weinbau und in der Weinpräsentation geht.

Von diesen Wegen kann ich mich in der großzügigen Vinothek persönlich überzeugen. Die Wasems möchten, dass sich jeder Gast hier wohlfühlt, egal ob er eine umfassende Beratung mit Weinprobe wünscht oder sich lieber ganz in Ruhe und ohne Hilfe selbst umsieht. Die Weinregale sind entgegen der rheinhessischen, nicht aber der Ingelheimer Tradition, vor allem mit Rotweinen gefüllt. Einer fällt mir ganz besonders ins Auge: der Cuvée mit dem schönen Namen Einzylinder. Seinen Namensvetter, einen alten Lanz Bulldog, kann man im Barriquekeller bestaunen. Der steht dort zwar still, aber das bedeutet ja noch lange keinen Stillstand!

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