13. September 2019

MO/VE/MENTS – Bewegte Momente in Rheinhessen

Mitten in der hügeligen Weinlandschaft von Schornsheim stehen sie, die 24 Kunstwerke des Kunstwanderweges „MO/VE/MENTS – Bewegte Momente in Rheinhessen“. Seit der Vernissage am 8. September 2019 sorgen sie in der kleinen Gemeinde nahe Wörrstadt für ein ganz besonderes Kunst- und Naturerlebnis – und das für nur kurze zwei Wochen. Dieses Event ist ein umgesetztes Projekt aus dem ersten Crowdfunding-Contest Ideen Reich Rheinhessen. Ich wollte mir dieses Highlight auf keinen Fall entgehen lassen und mache mich auf den Weg durch die Schornsheimer Gemarkung.

Hier geht`s lang … einfach der Beschilderung folgen

Immer den gelben Schildern nach

Mein Rundgang beginnt am Kulturhof Oma Inge. Hier treffe ich Christina Bruns-Yilmaz, Inhaberin des Kulturhofs und Mitorganisatorin von MO/VE/MENTS. Sie begleitet mich auf der 2,5 km langen Strecke, die extra für den Kunstwanderweg ausgesucht und beschildert wurde. Gelb leuchtende Tafeln, in den grünen Weinbergen gut sichtbar, weisen auch Besuchern den Weg, die ohne Führung die Kunstobjekte bestaunen wollen.

Genau das war auch der Gedanke von Christina Bruns-Yilmaz und ihrer Mitstreiterin Kathrin Schik, als die Idee zu dieser speziellen Ausstellung geboren wurde und dank der erfolgreichen Teilnahme an dem Crowdfunding-Wettbewerb „IdeenReich Rheinhessen“ realisiert werden konnte. „Wir wollten Kunst für jedermann erlebbar machen, raus aus den Museen und Galerien, rein in die Natur“, sagt Bruns-Yilmaz, selbst Künstlerin aus Leidenschaft.  


„Zeitsprung“- ein Kunstwerk von Anne-Marie Kuprat

Bewegung und Innehalten

Ihre Begeisterung für das, was sie hier geschaffen haben, ist ansteckend und so freue ich mich, als ich plötzlich wie aus dem Nichts eine Skulptur entdecke. Fast ein bisschen befremdlich wirkt das weiße Gebilde aus Metall und Papier, das sich vor dem grünen Hintergrund der Weinberge abhebt und gleichzeitig neugierig auf mehr macht. „Zeitsprung“ ist der Name des Objekts von Anne-Marie Kuprat, eine von insgesamt 21 Künstlerinnen, die sich an dem Projekt beteiligt haben. Der Titel MO/VE/MENTS ist vielfältig und inspirierend, beinhaltet er doch das Thema Bewegung „Movements“ ebenso wie das Thema Innehalten „Moments“.  Ich bin gespannt auf die künstlerische Auseinandersetzung mit diesem Themengebiet und die individuelle Umsetzung, eingebettet in die rheinhessische Landschaft.

„Aussichten“ – ein Kunstwerk von Birgit Sander

Jedes Kunstwerk am richtigen Platz

Fast jede Künstlerin hat ihre Kreation eigens für diesen Kunstwanderweg erschaffen, sich ihren ganz persönlichen Ausstellungsort ausgesucht und ihr Werk passend dazu konzipiert, erzählt Bruns-Yilmaz als wir bei schönstem Wetter entlang der Weinberge spazieren. Es dauert nicht lange, da treffen wir auf die nächste Installation. Auf zwölf Stelen hat die Künstlerin Birgit Sander unterschiedliche Glasscheiben angeordnet, so rissig und zerbrechlich, dass ich mich erst bei genauer Betrachtung davon überzeuge, dass es sich wirklich um Glas handelt. Einige Scheiben liegen schon zerbrochen auf dem Boden und verstärken damit die Symbolik hinter diesem Werk: Das rasante Verschwinden unserer Gletscher und Eisberge.  

Witterungseinflüsse, die eventuell mutwillige Zerstörung oder der eigene Zerfall, all dies ist in der Ausstellung einkalkuliert. „Wir müssen mit allem rechnen“, so Bruns-Yilmaz, „auch das von einigen Objekten vielleicht nach zwei Wochen nicht mehr viel zu sehen ist. Aber das ist eben Teil des Konzepts.“

Distanz und Nähe, Bewegung und Veränderung: „Farbrauschen“ – eine Installation von Claudia Guinard

Berühren ausdrücklich erlaubt

Ich finde die Integration von Kunst in die Natur höchst faszinierend: die Veränderbarkeit durch äußere Einflüsse, die Wahrnehmung aus verschiedenen Distanzen, aber vor allem auch die Nahbarkeit, die diese Art der Ausstellung mit sich bringt. Anfassen ist bei einigen Stationen ausdrücklich erwünscht. So lässt die Künstlerin Anne Böschen beispielsweise die Besucher selbst Kunst erschaffen. In ihrer Mitmach-Aktion „Momento vivere“ sind sie eingeladen, aus Ton kleine Figuren zu formen und diese in der Landschaft zu hinterlassen. An anderer Stelle sollen Besucher die Position von Fichtenholzrahmen so verändern, dass sie andere Blickwinkel einnehmen.

Kunst aus Besucher-Hand: „Momento vivere“ von Anne Böschen

Fühlen statt verstehen

Politisch, gesellschaftskritisch, philosophisch oder auch einfach brandaktuell – jede der 24 Stationen auf diesem Rundgang hat dank der unterschiedlichen Interpretation des Themas MO/VE/MENTS ihren ganz eigenen Reiz. Zugegeben, an mancher Stelle bin ich froh, eine Expertin an meiner Seite zu haben, denn nicht alle Installationen erschließen sich mir ohne Erklärung. Aber im Nachhinein betrachtet, ist das auch nicht notwendig. Es geht nicht um hundertprozentiges Verstehen, es geht um das Erleben und die ganz eigene Interpretation. Es geht um die Verschmelzung von Kunst und Natur, wenn man durch eine Weinbergsreihe geht und plötzlich vor einem Kunstwerk steht.  

Als ich am Ende des Kunstwanderweges angekommen bin, werfe ich noch einen Blick zurück. Nur zwei Installationen sind aus der Ferne zu entdecken. Die anderen warten gut versteckt auf ihre nächsten Besucher. Diese müssen sich allerdings beeilen, denn am 22. September 2019 ist alles wieder vorbei – schade!Geführte Wanderungen finden am 13. September um 18.00 Uhr sowie am 14. und 15. September um 16.00 Uhr statt. Am 22. September endet die Ausstellung mit Kerbefrühstück um 10.00 Uhr im Kulturhof Oma Inge und anschließender Führung um 12.00 Uhr.

Impressionen

Was bleibt, was geht?: „Schattenwächter“ von Künstlerin und Organisatorin Christina Bruns-Yilmaz
Tanz der Mobilés: „Wolkenfuge“ – ein Komposition von Dorothea Kirsch
Es gibt nicht nur schwarz und weiß: „Between“ von Künstlerin Usch Quednau

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