10. September 2021

„Hier stehe ich und kann nicht anders“ – Luther bringt in Worms die Reformation ins Rollen

Vor 500 Jahren weigert sich der Augustinermönch Martin Luther, in Worms seine Schriften zu widerrufen. Die Reformation nimmt ihren Lauf. Die Stadt Worms feiert dieses Jubiläum mit einem umfangreichen Programm. Eines der vielen Highlights ist der geführte Luther-Rundgang durch die Innenstadt.

Am 16. April 1521 kam Martin Luther nach einer 14-tägigen Reise von Wittenberg nach Worms in der rheinhessischen Metropole an. Luther war einer Vorladung von Kaiser Karl V. gefolgt. Der Kaiser hatte den Mönch zum Wormser Reichstag einbestellt. Der Grund: Luther sollte seine Schriften widerrufen, in denen er die Zustände der Kirche stark kritisierte. Luthers berühmtes – ihm in den Mund gelegtes − Zitat: „Hier stehe ich und kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen“, beschreibt, wie er die Widerrufung seiner Schriften vor dem Reichstag verweigert. Die Reformation kam daraufhin weiter ins Rollen. 

In Worms auf Luthers Spuren wandeln

Luther steht in diesem Jahr in Worms erneut im Mittelpunkt. Die Stadt feiert den 500. Jahrestag seiner Widerrufverweigerung mit zahlreichen Programmpunkten. Bereits 2017 wurde das 500. Reformationsjubiläum rund um den Reformationstag deutschlandweit gefeiert. Denn am 31. Oktober 1517 veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen.

Neugierig, wie sich die Geschichte Luthers noch heute in Worms (nach-)erleben lässt, melde ich mich für einen historischen Luther-Rundgang an. Kurz darauf treffe ich Ursula Hoffmann in Worms. Die Gästeführerin und ihre Kollegen bieten seit 2017 Luther-Rundgänge in der Innenstadt an. Buchbar sind die Führungen über die Tourist Information in Worms.

Startpunkt ist der Siegfriedbrunnen

Wir treffen uns am Siegfriedbrunnen. Der Brunnen erinnert an die Nibelungensage und damit an eine Zeit weit vor dem Besuch Luthers in Worms. Er steht vor der Stadtbibliothek und genau dort zieht es uns als erstes hin. Vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg stand an diesem Platz das Haus zur Münze. Der Gebäudekomplex bestand damals aus drei Teilen und war mit aufwendigen Inschriften und Malereien sowie einer Arkadenreihe versehen. Das Gebäude entwickelte sich im Mittelalter für die Wormser Bürger zu einer Art Symbol der reichsstädtischen Freiheit und zu einer Art Gegenpol zum gegenüberliegenden Dom. „Als der Wormser Bischof Johann von Dalberg XX. beispielsweise den Kreuzgang im Dom erneuern ließ, kontern die Ratsherren und verschönerten die Fassade des Münzhauses“, beschreibt Ursula Hoffmann die Bedeutung des Münzhauses im Spannungsverhältnis von Kirche und Bürgern.

Auf einem vor der Bibliothek installierten Touch-Screen schauen wir uns eine Zeichnung vom damaligen Haus zur Münze an.

Dreifaltigkeitskirche wird zu Ehren des Reformators gebaut

Nicht nur die Stadtbibliothek steht an der Stelle des früheren Münzhauses, sondern auch die Reformationsgedächtniskirche zur Heiligen Dreifaltigkeit. Die barocke Kirche wurde dort zwischen 1709 und 1725 errichtet, weil die Wormser davon ausgingen, dass sich Luther 1521 an diesem Ort vor dem Kaiser geweigert hatte, seine Schriften zu widerrufen. Tatsächlich fand die Anhörung aber im Bischofshof (heute Park des Heylshofs) neben dem Dom statt.

Während eines Luftangriffs brannte die Dreifaltigkeitskirche komplett aus und wurde bis 1959 mit Spendengeldern wiederaufgebaut. „In nur 20 Minuten zerstörten die Bomben fast alles, was die Menschen mühevoll in 16 Jahren erbaut haben“, gibt Ursula Hoffmann zu Bedenken. „Die Tür blieb, wie durch ein Wunder, bei der Bombardierung am 21. Februar 1945 komplett unversehrt“, erzählt sie. Auch die Außenmauern konnten nach dem Krieg wiederaufgebaut werden. Innen war dies leider nicht möglich: Das Gotteshaus präsentiert sich heute im schlichten Stil der Nachkriegszeit.

Auf Luthers Spuren durch die Innenstadt

Unser Weg führt uns weiter in Richtung Fußgängerzone. Wir kommen an der Eisdiele Vannini vorbei, die – wie mir Ursula Hoffmann am Rande verrät – dem Reformator zu seinem 500. Jubiläum eigens eine Eiskreation widmet.

In der Fußgängerzone angekommen, beschreibt Ursula Hoffmann den Straßenmarkt, der sich damals an dieser Stelle befand: „Viele Reisende passierten ihn auf der Strecke von Mainz nach Speyer. Und auch Luther kam auf diesem Weg von Wittenberg nach Worms. Er reiste in einem sogenannten Kobelwagen (von Pferden gezogen) und wurde nach seiner zweiwöchigen Reise am 16. April 1521 von zahlreichen neugierigen Bürgern in Worms empfangen.“

Im Johanniterhof muss Luther sein Zimmer teilen

Während seines knapp 10-tägigen Aufenthalts in Worms übernachtete Luther im Johanniterhof. „Er musste sein Zimmer damals mit zwei anderen Gästen teilen, da in der Stadt aufgrund des geplanten Reichtags so viele Gäste weilten“, erklärt Ursula Hoffmann. Im Johanniterhof residierten neben Luther auch Räte des Kurfürsten von Sachsen. Der sächsische Kurfürst Friedrich III. war Luthers Landesherr und sein Beschützer. Heutzutage erinnert in der Hardtgasse 2-4, wo der Johanniterhof damals stand, lediglich eine Bronzetafel vor einer Bankfiliale an die Herberge des Reformators.

Reformationsdenkmal zählt zu den größten Lutherdenkmalen weltweit

Auf dem Weg zum Reformationsdenkmal kommen wir am Obermarkt mit seinem Wormser Schicksalsrad vorbei. Der Künstler Gustav Nonnenmacher stellte in der rotierenden Bronzeskulptur von 1986 bedeutende historische Ereignisse sowie Sitten und Bräuche der Stadt dar, unter anderem auch Luthers Auftritt in Worms.  

Nur wenige Schritte vom Schicksalsrad entfernt, liegt der Lutherplatz mit dem berühmten Reformationsdenkmal. Inmitten des, vom Künstler Ernst Rietschel als Quadrat konzipierten, Denkmals steht eine Statue Martin Luthers. Der Reformator hält seine Faust auf die Bibel und richtet den Blick zum Bischofspark. „Luther steht umringt von seinen Vorreitern und Unterstützern, darunter Fürsten und Gelehrte“, erklärt Ursula Hoffmann. So sind unter anderem hier die Statuen des Reformators Jan Hus und vom Kurfürsten Friedrich der Weise abgebildet. „Das Wormser Reformationsdenkmal zählt, neben dem in Genf, zu den größten weltweit und wurde im 19. Jahrhundert durch Spenden aus der ganzen Welt finanziert“, berichtet Ursula Hoffmann. „Als es dann schließlich 1868 eingeweiht wird, feierten die Wormser ganze drei Tage lang“.

Installationen im Heylshofpark erinnern an Luthers Protest

Die letzte Station unseres Rundgangs führt uns zum Heylshofpark vor dem Wormser Dom. Dort, wo jetzt eine wunderschöne Grünanlage liegt, stand früher der Bischofshof. An diesem Ort fand am 17. und 18. April 1521 die Anhörung Luthers vor dem Kaiser Karl V. statt. 1689 wurde das an den Dom angrenzende Gebäude im Zuge des Pfälzischen Erbfolgekriegs zerstört.

Heutzutage erinnert u.a. die Bronzeskulptur „Die großen Schuhe“ aus dem Jahr 2017 an Luthers Protest. Sie sind vor einem − ebenfalls aus Bronze gefertigten − Relief mit der Ansicht des Bischofshofes platziert. Die Ansicht stammt aus dem Jahr 1971 und wurde, wie das Schicksalsrad, vom Wormser Künstler Gustav Nonnenmacher angefertigt.

Um Luthers Situation vor 500 Jahren erlebbar zu machen, hat die Stadt Worms zudem bereits zum ersten Jubiläum 2017 einen Erlebnisparcours geschaffen. Zwei Installationen des Parcours befinden sich im Heylshofpark. „Mir persönlich gefällt das Hörerlebnis ‚Denkraum‘ besonders gut“, verrät Ursula Hoffmann. „Man schlendert durch den Park und löst dabei Bewegungsmelder aus. Die sind an Lautsprecher gekoppelt, aus denen Gedanken zu hören sind, die sich Martin Luther in der Nacht zum Tag der Widerrufsverweigerung gemacht haben könnte“, erklärt die Gästeführerin.  

Landesausstellung im Andreasstift

Ein weiteres Highlight im Luther-Jahr ist zudem die Landesausstellung „Hier stehe ich. Gewissen und Protest – Worms 1521 – 2021“. Sie startete am 3.Juli und läuft bis Ende des Jahres.

Kommentare

Avatar

Selber kommentieren:


Unsere beliebtesten Artikel: