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3. September 2020

Top 5 der Geologietipps in Rheinhessen

Heute größtes deutsches Weinanbaugebiet, früher eine faszinierende Wasserwelt. Die Geschichte des „Mainzer Beckens“ begann vor circa 45 Millionen Jahren: Der Oberrheingraben senkte sich und die Region wurde mehrfach überflutet. Sowohl vom Meer aus dem Nordseebecken als auch von Wasser aus dem damaligen Mittelmeergebiet.

Zurück blieben Fossilien und Ablagerungen, wie Schnecken, Haifischzähne oder Seekuh-Skelette. Und mitten in Rheinhessen spricht man vom bis dato ältesten Fund menschlicher Tätigkeit nördlich der Alpen. Das weiß kaum einer! Begeben Sie sich auf Exkursion oder Wanderung, in spannende Museen und Infotheken oder bestaunen Sie Kunstwerke, welche die geologische, paläontologische und archäologische Brillanz der Region feiern!

Top 1
Weinheimer Trift: Eine Wanderung auf Spuren der Seekuh

Die Muschelbänke an der Weinheimer Trift

Über 150 Meter lang und elf Meter hoch türmt sich die helle Wand gen Himmel. Heute ist das Naturdenkmal „Weinheimer Trift“ umrahmt von Weinbergen und liegt ruhig am Dorfrand. Doch früher, vor circa 30 Millionen Jahren, rauschte hier das Meer. Haie und Rochen gingen auf Jagd. Seekühe ließen sich im Wasser treiben. Austern und Samtmuscheln wuchsen am Meeresgrund. Krebse und Würmer gruben kleine Tunnel in das Gestein. Das Tal von Weinheim war eine subtropisch-mediterrane Meeresbucht an der Ostküste einer großen Halbinsel – und ist heute eines der best erhaltenen und artenreichsten Fossil-Vorkommen in den Küstensedimenten des „Mainzer Beckens“. Menschen bauten an der Wand Sand ab, bis vor 150 Jahren erstmals mutige Geologen und Paläontologen diesen Schatz der Erdgeschichte sicherten: Schalen von Muscheln und Schnecken, Haifischzähne und Seekuh-Knochen, unzählige Überreste von mikroskopisch kleinen Tieren und Pflanzen und natürlich die Wand selbst. Sie ist heute durch einen Zaun vor Räubern geschützt, aber für Besucher gut einsehbar und mit Infotafeln betextet. Am besten bringen Sie ein Fernglas mit!

> Wander-Tipps:
Rundwanderung „weinheimense Route“, circa 10 km mit Tafeln zur regionalen Erdgeschichte, Kultur und Wein, sowie Tier- und Pflanzenwelt. Die Kultur- und Weinbotschafter bieten zudem Führungen an, auch zur zweiten Ausgrabungsstätte „Zeilstück“, die ansonsten nur von einer entfernten Plattform aus einsehbar ist.
Küstenwege Rheinhessen, drei Rundwanderwege bieten die seltene Gelegenheit einer Zeitreise in die erdgeschichtliche Vergangenheit.

Top 2
Eppelsheim: Dinotherien am Urrhein bestaunen 

Der Abguss des 1835 geborgenen Oberschädels von einem Dinotherium (Deinotherium giganteum).

Wir alle kennen den heutigen Rhein, diesen mächtigen Strom der europäischen Schifffahrt. Wie ein fürsorglicher Vater umarmt er die rheinhessische Flanke von Worms über Mainz bis Bingen. Doch er verlief nicht immer in dieser Bahn. Vielmehr war er – vor rund zehn Millionen Jahren – ein in mehreren Rinnen langsam und niedrig fließendes Flüsschen, das sich diagonal über das heutige rheinhessische Gebiet schlängelte. Bei Hochwasser und Überflutung spülte er Knochen oder Zähne von verendeten Tieren heran. Diese kamen wiederum beim Sandabbau zu Tage. Forscher feierten 1835 eine Weltsensation: die Bergung eines vollständigen Dinotherium-Schädels. Ein 3,50 Meter großes „Schreckenstier“ mit Rüssel, ein Verwandter der Elefanten. Die Forscher fanden außerdem Fragmente von Menschenaffen, Nashörnern, Urpferden, Muntjakhirschen oder Bärenhunden. Bis heute wurden 35 Säugetierarten – davon 25 erstmals in Eppelsheim – gefunden und beschrieben. Damit zählt die kleine Gemeinde zu einer der berühmtesten Säugetier-Fundstellen aus der Zeit des Miozän. Besucher können im Museum Abgüsse der Originalfunde und Kopien der seltenen Fossilien bestaunen sowie den Klimawandel am „Urrhein“ studieren.

> Museums-Tipp: Dinotherium-Museum Eppelsheim (Öffnungszeiten auf der Homepage) mit Panorama-Bildern, Zeichnungen, und beeindruckenden Abgüssen. Die Originale stehen in den renommiertesten Museen der Welt, in Mainz, Wien, Basel, im Senckenberg Museum Frankfurt oder im Naturhistorischen Museum in London.

Top 3
Eckelsheim: Mit allen Sinnen in das Urmeer springen

Ein Spaziergang durch die Urzeit – der Strandpfad der Sinne (c)http://achimmeurer.com

Heiße Lavaströme und Halbwüste vor circa 290 Millionen Jahren. Der „Strandpfad der Sinne“ springt noch weiter in der Erdgeschichte zurück als die Weinheim Trift. In die Zeit des trockenen Erdaltertums, über das Urmeer im Tertiär vor 30 Millionen Jahre, bis heute in die rebenbewachsene Gegenwart. Auf einem gemütlichen Spaziergang zwischen „Beller Kirche“ und Steingrube haben Lokalpatrioten ein facettenreiches Szenario erschaffen. Besucher sehen, fühlen, hören und schmecken Erdgeschichte! Wie das geht? Auf dem Barfußpfad knirschen verschiedene Gesteinstypen unter den Füßen oder feiner Sand rinnt durch die Zehen. Die Nachkommen von früheren Aromapflanzen sind passend zu den Gesteinen der Erdgeschichte gruppiert und verströmen ihren Duft. Und alles ist umgeben von Reben und im Herbst von reifen Trauben. Die zehn Stationen sind ein Spaß für die ganze Familie und auch geeignet für Menschen mit Handicap. Bitte informieren Sie sich aber vorab über die aktuelle Begehbarkeit des Pfades auf der Homepage.

> Spaziergangs-Tipp: Strandpfad der Sinne, 1,6 Kilometer, festes Schuhwerk, leicht begehbar (nicht barrierefrei).

Top 4
Flonheim: Lebensecht animierte Seekühe beobachten

Eine bezaubendernde Illusion vom Urmeer vor 30 Millionene Jahren: die Flonheimer Seekuh und ihr Baby (c) Ortsgemeinde Flonheim

Flonheim ist bekannt für den schönsten Trullo der Region, ein weiß getünchtes rundes Weinbergshäuschen. Und für seine ockerfarbigen Sandstein-Gruben, die überall in der Gegend für prachtvolles Mauerwerk der Winzerhäuser gesorgt haben. Doch auch hier herrschten einst Meerestiere über das Gebiet. In Flonheim-Uffhofen fand man bei Bauarbeiten ein vollständig erhaltenes Seekuh-Skelett. Das Skelett wird in der neuen Flonheimer Infothek ausgestellt. Außerdem hauchte man dem dicken grauen Unterwasserriesen aus der Urzeit virtuell Leben ein: die animierte Seekuh „Floni“ mit schwarzen Knopfaugen zieht nun munter ihre Runden und wirkt dabei gar harmlos, war sie doch ein gemütlicher Pflanzenfresser. Nachkommen leben heute beispielsweise noch in Amerika und Australien und sind vom Aussterben bedroht. In der Infothek wurde außerdem ein ehemaliger Meeresstrand von vor 30 Millionen Jahren nachgebildet: mit echten Muscheln, Korallen, Austern und Haifischzähnen. Die Flonheimer verstehen etwas von kleinem feinen „Erlebnis-Museum“.

> Infothek-Tipp: Infothek/Ortsmuseum Flonheim (Öffnungszeiten auf der Homepage) mit Sehkuh-Animation und Meeresstrand-Nachbildung.

Top 5
Dorn-Dürkheim: Evolutionssäule und Urmenschen am Süßwassersee

Ein Kunstwerk ziert die bedeutende Fundstelle in Dorn-Dürkheim (c) Horst Klavinski

Drei Meter hoch schraubt sich die weiße Marmorsäule empor. Sie ist ein Strudel aus Leben, Vielfalt und Schönheit. Wildes Chaos in Perfektion! Der Sockel beginnt mit einem kosmischen Strudel, Mineralien, Kleinstlebewesen, Muscheln. Ein Ginko-Blatt windet sich empor. Ein Zapfen schmiegt sich an eine Ähre. Ein Delphin springt und scheint das sich küssende Menschenpaar necken zu wollen. Der in Dorn-Dürkheim ansässige Künstler Achim Ribbeck und seine Frau Ursula Mandel schenkten der Gemeinde 2009 dieses Kunstwerk und ehrten damit die Evolution und die hier statt gefundenen Ausgrabungen ab 1972. Es wurden Überreste von 80 Wirbeltierarten gefunden: darunter Urpferde, Nashörner oder Säbelzahntiger. Sie sind rund 8,5 Millionen Jahre alt und zählen damit zum Zeitalter des „Turolium“. Es gibt keine bedeutendere Fossil-Fundstelle dieser Phase in ganz Europa. Zwischen 1989 und 1996 wurde weiter geforscht: Man fand heraus, dass an diesem Ort vor 800.000 Jahren ein Süßwassersee angestaut war – und daran offenbar ein Rastplatz für wandernde Urmenschen aus dem Mittelmeerraum. Mit hier gefundenen Steinwerkzeugen zerlegten sie wohl Tierkadaver. Die Fundstelle Dorn-Dürkheim ist damit der bis dato älteste Nachweis menschlicher Tätigkeit nördlich der Alpen. Achim Ribbeck würdigte diesen Befund wiederum mit einer Skulptur, dem „Steinklopfer“.

Der Steinklopfer – eine Würdigung menschlicher Tätigkeit seit Urzeiten (c) Horst Klavinski

> Kunst-Tipp: Die Kunstwerke „Evolutionssäule“ und „Steinklopfer“ sind frei zugänglich und befindet sich oberhalb des Friedhofes, am Fundgebiet, mit Blick über die Region. Die Originalfunde der Ausgrabungsstätte befinden sich heute im Senckenbergmuseum in Frankfurt am Main.

Weitere spannende Museen in der Region Rheinhessen:

  • In Mainz: Das Naturhistorische Museum Landessammlung für Naturkunde Rheinland-Pfalz in Mainz ist das größte Museum seiner Art in Rheinland-Pfalz und bietet vielfältige Entdeckungen. Im Eingangsbereich steht beispielsweise die gigantische Nachbildung eines Dinotheriums.
  • In Alzey: Das Museum Alzey besitzt unter anderem eine paläontologische und geologische Abteilung. Dort steht auch das komplette und berühmte Seekuh-Skelett „Elsa“ aus Weinheim.
  • In Nierstein: Das Paläontologische Museum Nierstein ist eine Schatzkammer voller Fossilien und zeigt Erdgeschichte vom Kambrium bis zur Eiszeit.

Bitte informieren Sie sich bei Museen und Infotheken aufgrund der Corona-Krise unbedingt vorab über Öffnungszeiten oder mögliche virtuelle Touren.

Die Autorin bedankt sich für den freundlichen Expertenrat von Dr. Winfried Kuhn

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