nachtwaechterfuehrung-titelbild

18. Januar 2019

Mit der Frau des Nachtwächters durch Dalsheim – und durch die Zeit

Flörsheim-Dalsheim ist eine rheinhessische Weinbaugemeinde mit rund 3.000 Einwohnern und mehr als 30 Winzern. Besonders der Ortsteil Dalsheim ist wegen seiner berühmten Fleckenmauer, der sieben Türme und drei Kirchen einen Besuch wert. Wir reisen dabei nicht nur physisch, sondern auch in der Zeit. Mit der Frau des Nachtwächters an unserer Seite lernen wir das Rheinhessen des 19. Jahrhunderts kennen und die rheinhessische Mundart lieben.

Ein Angebot, das wir nicht ausschlagen können

Unsere Reise nach Dalsheim beginnen wir in der Jetztzeit. Als wir aus dem Auto steigen, sind wir aber mitten im Jahr 1860 gelandet. Margret, die Frau des Dalsheimer Nachtwächters kommt uns aufgeregt mit Laterne und Korb entgegen. Schon wieder könne sie ihren Mann nicht finden, es sei doch immer dasselbe! Nun bleibe ihr erneut nichts anderes übrig, als alleine für Ordnung und Nachtruhe der Einwohner zu sorgen. Ob wir sie nicht ein Stündchen begleiten wollten, dann wäre sie nicht so alleine? Wie können wir da Nein sagen.

Wir setzen uns in Bewegung und Margret erzählt einen Schwenk aus ihrem Leben. Sie wurde 1816 geboren. „Genau wie Rheinhessen selbst!“, erwähnt sie stolz. Schon ihr Vater und Großvater waren Nachtwächter. Eine verantwortungsvolle Tätigkeit, schließlich müsse dieser als Erfüllungsgehilfe des Bürgermeisters jede Nacht kontrollieren, ob alle Türen verschlossen und alle Feuer gelöscht wurden. Bei 134 Häusern im Ort ist das eine große Aufgabe. Außerdem dürfe sich kein Gesindel im Dorf herumtreiben.

 Auf der Mauer, auf der Lauer

Wir steuern die historische Fleckenmauer aus dem 15. Jahrhundert an, die auch 1860 schon ziemlich historisch ist. Die steinerne Mauer ist die einzig vollständig erhaltene mittelalterliche Ortsbefestigung in Rheinhessen. Wir klettern den Turm hinauf und haben einen wunderschönen Ausblick bis nach Worms, Mannheim und Ludwigshafen. Der Odenwald und die Rheinlinie sind ebenfalls gut erkennbar.

Wir raten, warum die Fleckenmauer diesen ungewöhnlichen Namen trägt. Aufgrund der vielen unterschiedlichen Steine vielleicht? Margret weiß es besser. Der Name Fleckenmauer kommt von der Bezeichnung Dalsheims als „Flecken“. Keine Stadt, kein Dorf, sondern ein Marktflecken – ein alter Ausdruck für Marktgemeinde.

Tipp: Auch ohne Nachtwächterführung könnt Ihr die Fleckenmauer bei stabiler Wetterlage besteigen. Sollte die Tür am Obertorturm abgeschlossen sein, könnt Ihr nebenan im Weingut Strubel nach dem Schlüssel fragen.

Die eigenen drei Wände

Im weiteren Verlauf des Rundgangs folgen wir der Fleckenmauer. Margret zeigt, dass viele Häuser bis direkt an die Stadtmauer heran gebaut wurden. So waren nur drei Wände für den damaligen Hausbau notwendig. Dort, wo Mauerhäuser abgerissen wurden, sehen wir hier und da noch ein scheinbar willkürliches Fenster oder einen Durchgang in der Fleckenmauer. Margret merkt mit einem Augenzwinkern an: „In Rheinhessen ist nicht alles so, wie es scheint!“

Zeit für Veränderung

Wir erreichen den Hexenturm an der Westseite der Mauer. Hier muss Margret die Stunden ansingen. Dafür hat sie extra das Horn vom Großvater dabei. Mit einem kleinen Lied verkündet sie uns die aktuelle Uhrzeit.

Das Horn hat noch eine andere wichtige Funktion, verrät Margret. Wenn sie auf ihrer Runde ein Feuer entdeckt, muss sie ins Horn blasen. Der Küster läutet dann die Kirchenglocke. Anschließend kommen alle Einwohner mit Wassereimern angerannt, um zu löschen. Laut Margret gibt es seit Kurzem auch so einen neumodischen „Spritzzug“. Ebenfalls neu ist auch die Feuerversicherung im Ort.

Überhaupt sei so vieles neu. Manche Veränderungen verstehe sie gar nicht. Man baue hier Schienen ohne Ende. In die Eisenbahn aber würde Margret niemals einsteigen. Bei der Geschwindigkeit würden die Menschen doch reihenweise platzen!

Der Sonnenkönig und das Feuer

Wir spazieren zum Ortskern von Dalsheim. Margret zeigt uns ein Haus, das 1716 völlig neu aufgebaut werden musste. Warum? Na, da war doch die Liselotte von der Pfalz, die den Bruder des Sonnenkönigs heiratete. Trotzdem nahm der Widerstand aus der Region gegen Frankreich nicht ab. Und von dort hieß es dann: „Was nicht mein sein kann, soll brennen!“ Auch Dalsheim blieb vom Pfälzischen Erbfolgekrieg nicht verschont und so überlebten die verheerenden Brände und Plünderungen im Ort nur 70 Personen in 17 Familien. Eine Tragödie!

Überhaupt, diese Franzosen! Nichts als Flausen im Kopf! Margret fragt uns, ob wir den Ausdruck „Fisimatenten“ kennen würden. Ja? Dann würden wir ja auch sicher wissen, dass die französischen Soldaten junge Frauen mit „Visite ma tente!“ stets in ihre Zelte locken wollten…

Drei Kirchen im Dorf lassen

Schon auf der Fleckenmauer haben wir die drei Kirchtürme von Dalsheim entdeckt. Jetzt zeigt uns Margret die Gotteshäuser und erklärt, warum auf so kleinem Raum so viele Kirchen stehen. Eigentlich sei das ganz einfach: eine katholische, eine reformierte und eine lutherische Kirche. Alles, was man halt so brauche! Letztere beiden sind heute unter dem Dach der evangelischen Kirche zusammengeschlossen und werden abwechselnd zu Gottesdiensten besucht.

Einfach türmen?

Im Untertorturm wohnte bis 1834 ein Türmer, der sich nach einem eskalierten Streit auf und davon machte. Türmte sozusagen. Im Ort munkele man, dass er mit seiner Familie nach Amerika sei. Margret erzählt, dass viele ihrer Bekannten ebenfalls mit diesem Gedanken spielen. Die Realerbteilung mache den meisten das Leben schwer.

Margret selbst überlegt auch hin und wieder, nach Amerika auszuwandern, aber Le Havre – dort, wo die Schiffe ablegen – sei viel zu weit weg und in eine Eisenbahn steige sie ja aus Prinzip nicht. Also bleibt sie hier und dreht weiter ihre Runden durch Dalsheim. Das sei schließlich auch nicht schlecht.

Wir passieren die alte Schule. Margret erzählt, dass die Schüler im Sommer nur zwei Stunden Unterricht haben, dann helfen sie auf dem Feld. Das ist auch unser nächstes Ziel. Am Ortsrand von Dalsheim stehen wir direkt vor den Weinreben. Von hier aus haben wir einen letzten wunderschönen Blick auf die Fleckenmauer, bevor wir uns nach rund einer Stunde am Obertorturm von Margret verabschieden. Ihren Mann hat sie übrigens immer noch nicht gefunden …

Eine Reise durch die Zeit

Margret heißt eigentlich Beate Hess und ist passionierte Gästeführerin. „Wenn Nachtwächterfrauen erzählen …“ ist die beliebte Kostümführung durch die romantischen Gassen von Dalsheim, die die „Interessengemeinschaft Flörsheim-Dalsheimer Gästeführer“ mit viel Herz, Leidenschaft und einer großen Portion Mundart anbietet.

Wir durften Beate Hess alias Margret im Sommer begleiten. Die interaktive Nachtwächterführung findet aber eigentlich von Oktober bis März an jedem ersten Freitag im Monat um 19 Uhr statt – dann, wenn es bereits schön dunkel ist. Neben den offenen Führungen könnt Ihr auch jederzeit eine private Führung für Gruppen buchen.

Natürlich gibt es auch in den Sommermonaten zahlreiche Möglichkeiten, Dalsheim und seine Fleckenmauer im Rahmen von Gästeführungen kennenzulernen. Neben den offenen Führungen samstags um 17 Uhr finden zusätzlich zahlreiche Themen- und Spezialführungen statt.

Tipp: Seid Ihr richtige Mittelalterfans? Alle vier Jahre richtet Dalsheim ein großes Mittelalterfest aus, an dem sich alle Vereine aktiv beteiligen. Das nächste Fest ist für 2020 anberaumt.

Kommentare

Selber kommentieren:


Unsere beliebtesten Artikel: