Vinotheken und Architektur: die moderne Ingelheimer Vinothek © Intensive Senses - Vinotheken und Architektur ingelheimer-winzerkeller-9

18. Januar 2021

Drei Vinotheken mit besonderer Architektur und Historie

Jede der 28 Rheinhessen-AUSGEZEICHNET-Vinotheken hat ihren ganz eigenen Charme. Bei einem Besuch bieten sie alle einen Ort zur zwanglosen Weinprobe, zum Zusammentreffen und um ins Gespräch zu kommen.

Vinotheken
Architektur mit Geschichte: Ingelheimer Winterkeller

Die Gebäude einiger Vinotheken beeindrucken zusätzlich durch ihre Architektur oder können eine besondere Geschichte erzählen. Drei dieser Vinotheken habe ich auf meiner Reise besucht und mich in ihren Bann ziehen lassen.

Die Vinothek des Weinguts Klosterhof in Flonheim

Vinothek Klosterhof: Neues Haus in alten Mauern

Mitten auf dem Flonheimer Marktplatz, hinter Rosen und einem historischen Brunnen, steht ein schmales, hübsch restauriertes Bauwerk. Dieses beherbergt das erste Ziel auf meiner Reise, die Vinothek Klosterhof.

Bevor ich durch die moderne Eingangstür trete, nutze ich das kleine Fenster im Eingangsbereich und die Möglichkeit, mal zu „spickele“. Erst beim Eintreten wird mir deutlich, wie groß und weitläufig diese Vinothek ist. Ich bin verabredet mit Anke Schäfer-Graß, der freundlichen Seele des Hauses, und ihrem Mann Dr. Ralf Schäfer, dem Winzer.

Wir nehmen an einem Tisch im gemütlichen Innenhof Platz. Während wir unsere Traubensaftschorle und den Blick auf den „stillen Nachbarn“, die schöne Sandsteinkirche, genießen, erzählen mir die Beiden von der Geschichte dieses historischen Hauses.

Vinotheken Klosterhof Flonheim
Der kleine, feine Hof im Klosterhof

Das Gebäude der Vinothek ist ca. im 18. Jahrhundert erbaut worden. Bevor sie 2011 bis 2013 zur Vinothek umgebaut wurden, haben diese Mauern bereits landwirtschaftliche Betriebe, Familien und einen Elektromarkt beherbergt. Zu Zeiten der Leinreiter war dieses Haus wohl eine Schmiede, die die Hufe der Leinreiterpferde bei ihren Zwischenstopps versorgte, ganz sicher ist man sich dabei allerdings nicht. Der Boden, auf dem wir stehen, hat noch mehr Geschichten zu erzählen. Im Mittelalter gab es in diesem Teil Flonheims ein Augustiner Chorherren Stift. Das haben alte Fundstücke belegt. Dieses Stück Flonheimer Geschichte gab den Anlass für den Namen des Weinguts Klosterhof.

Stolze Betreiber: Anke und Dr. Ralf Schäfer

Die jahrhundertelange Historie ist der Grund, warum die Mauern dieser Vinothek unter Denkmalschutz stehen. Von außen wurde das Gebäude lediglich restauriert, um ihm zu neuem Glanz zu verhelfen. Es entstand ein neues Haus in alten Mauern. Für das neue Haus im Inneren hat das Paar einiges verändert, und das will ich mir nun anschauen. Ich staune nicht schlecht, als wir über die hölzerne Treppe mit Glaselementen gemeinsam den ersten Stock erreichen. Nicht nur durch den freien Blick in das einer Galerie ähnelnde zweite Stockwerk wirkt dieser Raum groß und weitläufig. Hier haben viele Gäste an den modernen Echtholz-Tischen Platz.

Ein schöner Raum für viele Gäste

Das Ehepaar erzählt mir, dass sie die komplette Ausgestaltung ohne Architekten nur mit Hilfe eines Statikers sowie regionaler und lokaler Handwerker umgesetzt haben. Dieses Haus ist ein Gemeinschaftsprojekt. Es enthält die Kreativität und das Herzblut von Vielen, das kann ich sehen. Es bedarf gar nicht vieler zusätzlicher Dekorationselemente. Die alten Räume mit neuem Charme haben ein ganz eigenes Strahlen.

Wann Ihr das neue Haus in alten Mauern besuchen könnt und welche Veranstaltungen bevorstehen, erfahrt Ihr auf der Webseite des Weinguts Klosterhof.

Probieren und Zugreifen: Shopping im Klosterhof
Die Gastgeberin: Anke Schäfer

Weingut Hemmes: „Geschichte kann man nicht nachbauen“

Ich fahre weiter nach Bingen und bin sehr gespannt, was mich erwartet, denn jetzt geht es in die Schule. Genauer gesagt in die alte Dorfschule nach Bingen-Kempten, die inzwischen die Vinothek des Weinguts Hemmes  beherbergt. Das Gebäude von 1908 beeindruckt mit schlichtem Jugendstil, sandsteingerahmten Fenstern, imposanter Eingangstür und rankendem Wein.

Winzer Frank Hemmes begrüßt mich an der großen Tür und erzählt, dass diese früher nur von Lehrern genutzt werden durfte. Die Schüler – sein Vater war einer von ihnen – mussten sich im Schulhof versammeln und durch die Hintertür ins Gebäude. So hatte Friedel Hemmes einen Schulweg von sage und schreibe zwanzig statt zehn Sekunden, denn das Weingut der Familie liegt direkt gegenüber dem Schulgebäude.

Im Zuge der Schulreform von 1961 wurde die Dorfschule geschlossen. Bis Frank Hemmes das denkmalgeschützte Haus erwerben und wiederbeleben konnte, vergingen viele Jahre, trotzdem gab er nie auf: „Dieses alte Gebäude, diese Geschichte – so etwas kann man nicht irgendwo auf dem Land nachbauen.“ Für die Bewahrung der alten Bausubstanz und die Umstellung auf nachhaltige Energieversorgung erhielt Familie Hemmes im Jahr 2010 den Preis für „Nachhaltigkeit im Weintourismus“ der Great Wine Capitals.

In zwei der vier ehemaligen Klassenzimmer hat Frank Hemmes seine Vinothek eingerichtet. Liebevoll kuratierte Objekte wie eine alte Glocke, lederne Schultaschen und kleine Schreibtafeln erinnern an die historische Geschichte des Gebäudes. Darüber hinaus hat er sich persönlich dem Bildungsauftrag rund um die regionale Weinkultur verschrieben.

Durch seine Weinprobe führt der Winzer auch schon einmal wie ein Lehrer anno dazumal mit Frack, Zylinder und Stock, verteilt flüssige Lernmittel und passende Pausensnacks, erzählt Wissenswertes aus den Fächern Biologie, Geologie und Geschichte und stellt dabei immer spannende Verbindungen zum Wein her. So macht Schule Spaß und ist alles andere als „trocken“!

Ingelheimer Winzerkeller: Moderne trifft auf Ingelheimer Geschichte

Dass es sich bei der nächsten Vinothek um ein historisches Gebäude handelt, kann ich schon von außen erkennen. Vor mir liegt der Ingelheimer Winzerkeller, ein großes Sandsteingebäude mit roten Ziegel-Elementen. Beim Betreten fühle ich mich direkt wie im Urlaub. Ich stehe in einem großen, mediterran bepflanzten Innengarten. Kaum zu glauben, dass sich in diesen Mauern noch vor wenigen Jahren eine Kelterhalle befand.

Die ehemalige Kelterhalle – jetzt ein Indoor-Park

Ich bin verabredet mit Katharina Ferch, einer Mitarbeiterin des Winzerkellers. Den Winzer selbst trifft man in dieser Vinothek nicht an, denn das Bauwerk des Ingelheimer Winzerkellers beherbergt die Tourist-Information, ein Restaurant und eine Ortsvinothek, in der derzeit Weine von 25 Ingelheimer Weingütern angeboten werden. Als in Ingelheim ein Ort für eine Ortsvinothek gesucht wurde, kam kein anderes Gebäude infrage als der Ingelheimer Winzerkeller. Das berichtet mir Katharina Ferch. Es gibt wohl kein Objekt, dessen Wände mehr Weingeschichte erzählen und die Ingelheimer mehr mit ihrer Vergangenheit verbinden.

Auch draußen sitzt man gerne

Als Gemeinschaftskellerei wurde der Winzerkeller eigenhändig von Mitgliedern der Ingelheimer Winzergemeinschaft gebaut. Damit ich die Geschichte des Winzerkellers besser verstehe, zeigt mir Frau Ferch den ersten der beiden Keller. Wir betreten einen stimmungsvoll beleuchteten Gewölbekeller. Die Sandsteinwände wurden bei der Renovierung sandgestrahlt, so erstrahlen sie heute im gleichen Glanz wie vor über hundert Jahren.

Die großen Gewölbe bieten Platz für Festlichkeiten

Wo heute Platz für Events und Kulturveranstaltungen ist, soll noch bis zum Ende der 90er-Jahre der Wein der Ingelheimer Winzergemeinschaft entstanden sein. Wie das ausgesehen haben könnte, wird im zweiten Keller deutlicher. Hier tragen die Sandsteinwände noch die originale Patina. Dieser Gewölbekeller ist viel kälter und ich bilde mir ein, den Wein noch riechen zu können. Kein Wunder, hier lassen sich alte Betontanks und eine Holzfässer-Sammlung mit jahresspezifischen Schnitzereien bestaunen. 

Die dürfen bleiben: Imposante Fässer mit Schnitzereien

Es sollen auch hölzerne Weinfässer gewesen sein, die über die Jahre auf den Treppenstufen nach oben ihre Spuren hinterlassen haben. Eine ganz neue metallene Wendeltreppe, die beim Umbau kreisrund in die Sandsteindecke gefräst wurde, führt uns zurück aus der Geschichte in die Gegenwart und hinein in die Ortsvinothek. Ich bin überwältigt vom großen Angebot und den verschiedenen Etiketten der 25 Weingüter. Zwei nette Mitarbeiter warten schon auf mich und so werde ich, wie in einer Vinothek üblich, bei der Weinauswahl gut beraten.

Modern und einladend: das Schaufenster des Ingelheimer Weins

Ich darf es mir draußen auf der Terrasse gemütlich machen und den Blick über den kleinen Tafeltrauben-Weinberg des Winzerkellers bis rüber auf die andere Rheinseite genießen. Dabei probiere ich mich durch das vielseitige Ingelheimer Weinangebot.

Die Weinprobe gehört dazu

Auf der Webseite des Ingelheimer Winzerkellers erhaltet Ihr weitere Informationen über die Ingelheimer Ortsvinothek und die Öffnungszeiten.

Noch mehr Vinotheken

Zur Zeit gibt es 28 dieser besonderen Vinotheken – und das Netzwerk wächst. Einen stets aktuellen Überblick über alle Rheinhessen-AUSGEZEICHNET-Vinotheken bekommt Ihr hier.

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