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4. Februar 2022

60 Jahre Narrenfreiheit: Zu Besuch beim Wagenbauer der Mainzer Fastnacht

In der fünften Jahreszeit feiern Närrinnen und Narrhalesen die Mainzer Fastnacht. Mit dreifach donnerndem Helau herrscht ausgelassenes Treiben auf den Straßen und in den Sälen der Stadt, bis schließlich der kilometerlange Rosenmontagsumzug den Höhepunkt der Festivitäten markiert.

Mainzer Fastnacht

Dieter Wenger ist seit fast 60 Jahren sehr eng mit dem Umzug verbunden. Ich habe mich mit dem passionierten Wagenbauer der Mainzer Fastnacht getroffen und über politische Motive, rollende Köpfe und echte Kultobjekte unterhalten.

Heilige Hallen

Die Mainzer Fastnacht führt mich heute zu einer Werkstatt nach Mombach, die äußerlich unscheinbar wirkt, im Inneren aber allerhand Schätze beherbergt. Dieter Wenger, der seit fast 60 Jahren als „Mädchen für alles“ den Wagenbau des Rosenmontagsumzugs in Mainz verantwortet, hat mich in seine „heiligen Hallen“ geladen. Ich trete durch die großen Tore ein. Es riecht nach frisch aufgebrühtem Kaffee, nach alten Farbresten und jeder Menge Arbeit.

Der Wagenbauer begrüßt mich mit einem herzlichen Lachen und führt mich sogleich durch sein „zweites Zuhause“. Um uns herum sind die Untergestelle zahlreicher Fastnachtswagen aufgereiht, die auf ihren nächsten närrischen Einsatz warten. Die Gestaltung von etwa 50 von ihnen liege jedes Jahr der Verantwortung seines 35-köpfigen Teams, erklärt er. Es besteht aus Handwerkern, Bildhauern und Malermeistern, aus Studenten, Hausfrauen und ihm selbst – einem gelernten Dekorateur.

Hübsch war nur das Bühnenbild

Mich interessiert, was Dieter Wengers unbändige Leidenschaft für die Fastnacht und den Wagenbau entfacht hat. Dazu müsse er ein wenig ausholen, lacht er und erzählt die rührende Geschichte seines Großvaters, der die Familie nach dem Krieg mit selbstgebautem Spielzeug über Wasser hielt, das er gegen Eier, Äpfel oder Kartoffeln eintauschte. „Wenn er seine Figuren geschnitzt hat, hat er mich immer auf den Schoß genommen, dann durfte ich auch mal raspeln oder mit dem Schnitzmesser helfen“, erinnert sich der Wagenbauer.

Als Schüler malte er Kulissen und gestaltete Requisiten für die Mainzer Puppenbühne. Später arbeitete er für ein Zimmertheater, dessen Inszenierung „Die wundersame Schustersfrau“ von Federico García Lorca in der Presse zerrissen wurde. An einen Satz daraus erinnere er sich noch genau: „Hübsch war nur das Bühnenbild Dieter Wengers.“ Ihm huscht ein Lächeln übers Gesicht. „Sie können sich vorstellen, dass ich mit 19 Jahren einen Meter über dem Boden geschwebt bin.“ 1962 baute er schließlich seinen ersten Motivwagen für die Mainzer Fastnacht, damals noch mit kaum Werkzeug und in einem Zelt. „Das war sehr mühsam und sehr kalt“, sagt er und lässt den Blick durch die vollausgestattete, warme Halle schweifen. Sein allererstes Motiv werde er niemals vergessen: Eine Kuh, die mit Geldscheinen gefüttert und gleichzeitig gemolken wurde. Die Milchpreiserhöhung bewegte das Land.

Rollende Köpfe

Für diese pointierten Motivwagen ist die Mainzer Fastnacht berühmt. „Wir feiern in Mainz seit jeher einen politisch-literarischen Karneval, der sich natürlich auch in den Wagen widerspiegelt“, erklärt Dieter Wenger. Wenn am 11.11. die fünfte Jahreszeit offiziell eingeläutet werde, sei die Arbeit des Kreativkreises rund um den Rosenmontagszug so gut wie abgeschlossen. Dieser stelle sich jedes Jahr die gleichen Fragen: „Welche Themen gibt es, worüber haben sich die Leute aufgeregt und was davon ist in einem Vierteljahr noch aktuell?“

Wir stehen vor einer Leiter und der Wagenbauer ermutigt mich, die schmalen Stiegen in den oberen Teil der Halle hinaufzusteigen. Kaum angekommen, blicke ich in die Gesichter von Boris Johnson, Donald Trump und Dutzenden anderen Personen des öffentlichen und politischen Lebens. Die überdimensionierten Styropor-Köpfe stapeln sich bis unter die Decke der Werkstatt. Sie werden nach jedem Umzug von ihren Körpern getrennt, aufbewahrt und warten quasi auf das nächste Fettnäpfchen ihrer reellen Doppelgänger, um erneut verwendet zu werden.

1.000 Lieblingswagen

Die akribische Gestaltung der Frisuren und Gesichtszüge sei Dieter Wenger besonders wichtig. Als ich wieder sicheren Boden unter den Füßen habe, erklärt er: „Ich versuche, möglichst hautnah an die Personen heranzukommen und keine Karikatur aus ihnen zu machen. So müssen die 600.000 Zuschauer des Rosenmontagsumzugs nicht lange nachdenken, um wen es sich handelt“. Und während unsereins einfach nur die Nachrichten schaut, studiert der Wagenbauer die äußerlichen Veränderungen der Politiker. Der Kopf einer Angela Merkel musste über die Jahre hinweg schon öfter nachmodelliert werden, genau wie einst der von Helmut Kohl.

Gerhard Schröder, Christian Wulff oder der Papst? Ich frage ihn nach seinem Lieblingsmotivwagen aus fast 60 Jahren Wagenbau und er muss nicht lange überlegen. „Alle!“, antwortet er verschmitzt und ergänzt: „Ich schätze, dass ich weit über 1.000 Wagen gebaut habe und in jedem steckt ganz viel Herzblut. Ich beschäftige mich vom ersten Pinselstrich an mit ihnen, kenne jede Schraube und jedes Eisen“. Ich gebe zu, dass es vermutlich so wäre, als müsse man sich für ein Lieblingskind entscheiden. Er nickt und überlässt diese Entscheidung liebend gerne anderen.

Narrenfreiheit

Dazu bietet der Tag vor dem Umzug ausgiebig Gelegenheit: „Wir stellen die Motivwagen immer sonntags schon auf der Ludwigsstraße aus. Da kommen etwa 70.000 Menschen, um sie sich in aller Ruhe anzusehen.“ Während die Besucher die rollenden Kunstwerke bestaunen, betrachtet der Wagenbauer ihre erheiterten Minen. Die Resonanz der Politik sei ebenfalls größtenteils positiv und überhaupt nehme er es mit der Satire genau wie Kurt Tucholsky: sie dürfe alles. Nur die Kirche habe des Öfteren Schwierigkeiten mit seiner „Narrenfreiheit“, deutet er mit vielsagendem Blick an.

Den Rosenmontag dann verbringt Dieter Wenger hier in der Werkstatt. Ich bin erstaunt, dass sich in seinem Leben so viel um den Fastnachtsumzug dreht, er ihn selbst aber gar nicht miterlebt. Früher sei das anders gewesen und er auf dem Wagen der Zugleitung mitgefahren. Inzwischen überlasse er den Trubel lieber der jüngeren Generation. „Außerdem war es irgendwann einfach wichtiger, schon hier zu sein, wenn die ersten Wagen zurückkommen“, erklärt er. Ihre Unterbringung müsse genau koordiniert werden und dann gelte es, Gestelle und Figuren für den Abbau und die Einlagerung vorzubereiten.

En(d)te gut, alles gut

Zum Abschluss unseres Gesprächs gehen wir in eine Nebenhalle, in der noch Dutzende weitere Wagen und Köpfe „übersommern“. Die Mainzer Fastnachtsfarben Rot, Weiß, Blau und Gelb dominieren das glitzernde Gesamtbild. Zielstrebig steuern wir ein quietschgelbes Objekt an, das aus einer zufälligen Idee heraus geschaffen wurde und das absoluten Kultstatus erreicht hat: die Zug-En(d)te.

1990 wollte eine Bekannte ihren alten VW-Käfer Baujahr ’73 verschrotten und fragte Dieter Wenger nach Rat. Seine Antwort war simpel: „Mir die Papiere geben, mir den Schlüssel geben!“ Er baute ein überlebensgroßes Federkleid aus Pappmaschee um das alte Auto und der gelbe Vogel markiert seitdem das Ende eines jeden Rosenmontagsumzugs. Wenn er nicht gerade per Flashmob entführt werde, erinnert sich der Wagenbauer an eine besonders skurrile, aber liebevolle Aktion. Die Ente ist Kult, die politischen Motive sind Kult und ich komme zu dem Schluss, dass auch die Wagenbaukoryphäe der Mainzer Fastnacht einfach Kult ist!

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